Um kurz nach zehn am Dienstagmorgen war es so weit: Mit einem formlosen Schreiben beantragte der Vorstand der Philipp Holzmann AG beim zuständigen Amtsgericht in Frankfurt die Eröffnung des Insolvenzverfahrens. Der Grund: Das Unternehmen ist überschuldet und zahlungsunfähig. Ein Rettungsplan des Unternehmens war in der Nacht zum Montag an der Uneinigkeit der Banken gescheitert.

Bis zuletzt hatten Mitarbeiter, Gewerkschaften, Aktionäre und Politiker fast blind darauf vertraut, dass dieser Fall nicht wirklich eintreten würde. Mit rund 17 000 Arbeitnehmern in Deutschland, 28 000 weltweit und einem Bauvolumen von rund 12 Milliarden Mark ist der Konzern immerhin das zweitgrößte Bauunternehmen der Bundesrepublik - und damit, so das Kalkül der Optimisten, to big to fail, zu groß also, um fallen gelassen zu werden. Dafür spreche allein schon das Eigeninteresse der geldgebenden Banken. Bei denen steht Holzmann mit stolzen 7,6 Milliarden Mark in der Kreide.

Gleichwohl war Jürgen Mahneke, Betriebsratsvorsitzender und Aufsichtsratsmitglied von Holzmann, tags darauf noch "sehr zuversichtlich" für die Zukunft gestimmt. Und selbst Klaus Nieding, Geschäftsführer der Schutzvereinigung für Wertpapiere, zeigte sich optimistisch. "Die Deutsche Bank wird Philipp Holzmann nicht fallen lassen", war der Vertreter vieler Holzmann-Kleinaktionäre felsenfest überzeugt.

Alle vertrauten auf die Deutsche Bank

Die Zuversicht kam nicht von ungefähr: Immerhin ist die Deutsche Bank mit 1,8 Milliarden Mark nicht nur größter Kreditgeber des Baukonzerns, sondern hält auch 15 Prozent des Aktienkapitals. Nach der belgischen Finanzholding Gevaert mit 30 Prozent ist sie damit zweitgrößter Aktionär. Die Verbindung zwischen dem Primus des deutschen Kreditgewerbes und dem lange größten deutschen Bauunternehmen ist sehr alt. Praktisch seit der Gründung von Holzmann vor 150 Jahren arbeiten beide Unternehmen aufs engste zusammen. So finanzierte die Deutsche Bank schon den Bau der berühmten Bagdadbahn Anfang dieses Jahrhunderts. Hermann Josef Abs, der legendäre Vorstandssprecher des Instituts, wachte immerhin 30 Jahre - von 1939 bis 1969 - als Aufsichtsratsvorsitzender über die Geschäfte von Holzmann.

Mit ihrem Vorstandsmitglied Carl Ludwig von Boehm-Bezing stellt die Deutsche Bank seit 1997 wieder den Vorsitzenden des Kontrollgremiums. Doch gerade diese enge Verquickung zwischen Bank und Holzmann hat sich in der aktuellen Krise eher als Nachteil erwiesen. Denn viele Banken fühlen sich nicht nur vom Vorstand, sondern auch von der Deutschen Bank bewusst getäuscht über die wahre wirtschaftliche Lage des Unternehmens. "Für wie dumm halten die uns eigentlich?", fragt ein Banker verbittert. Der Ärger ist durchaus verständlich. Auf eine überzeugende Erklärung, wieso innerhalb von zwei Wochen ein Verlust von 2,4 Milliarden Mark entdeckt werden kann, der einem ganzen Heer von internen und externen Prüfern über Jahre verborgen geblieben sein soll, warten die Kreditinstitute bisher vergeblich.

Dass es dem Unternehmen nicht besonders gut ging, war spätestens seit 1996 zu vermuten. Ebenfalls quasi über Nacht war ein Verlust von rund 460 Millionen Mark aufgetaucht. Die Ursache schon damals: zu hoch bewertete Immobilienprojekte. Für die Konzernbuchhalter allerdings kein Problem. Durch Rückgriff auf die üppigen stillen Reserven wurde aus dem Verlust eine schwarze Null im Jahresbericht 1995. Auch in den Folgejahren "zogen die Frankfurter Bilanzstrategen alle Register ihres Könnens und demonstrierten die gigantischen Möglichkeiten, die das deutsche Bilanzrecht völlig legal einräumt", kritisiert Karlheinz Küting, Direktor des Instituts für Wirtschaftsprüfung der Universität des Saarlandes.