In den Bibliotheken und Archiven lösen sich die Bücher, Zeitschriften, Zeitungen und Akten und mit ihnen das Gedächtnis der Menschheit langsam, aber sicher auf. Papier besteht im Wesentlichen aus Cellulose: den verfilzten langen Kettenmolekülen der Zucker, die aus pflanzlichen Zellwänden gewonnen werden. Solange es aus Hadern hergestellt wurde, war es teuer, aber äußerst haltbar. Aber um 1850, mit der Umstellung auf die maschinelle Produktion, änderte sich die Lebenserwartung des Papiers schlagartig. Seitdem ist das Papier billig, aber sauer, und saures Papier hat ein kurzes Leben.

Sauer wurden Papiere aus zwei Gründen. Erstens wurde die kostbare Cellulose gestreckt, und zwar mit zerfasertem Nadelholz, Holzschliff, der säurebildendes Lignin enthält. Zweitens wurde der Faserbrei, aus dem das Papier abgeschöpft wird, unter Zusatz von Alaun oder Aluminiumsulfat mit Harzen geleimt. Dadurch gelangte Schwefelsäure ins Papier - und die zerfrisst die Kettenmoleküle der Cellulose. Schon nach 20 Jahren hat saures Papier 80 Prozent seiner Festigkeit und Elastizität verloren. Es vergilbt, wird spröde, bricht beim Biegen und Falten, zerbröckelt schließlich und zerfällt zu Staub. Saures Papier hält nur 50 bis 80 Jahre - unter schonendsten Lagerbedingungen (gleichmäßig trocken, kühl und in Ruhe gelassen) bis zu 200, unter ungünstigsten nur 20.

Obwohl schon seit dem 19. Jahrhundert vereinzelte Warnungen laut wurden, haben Bibliotheken und Archive die Gefahr erst in den vergangenen 20 Jahren in ihrer ganzen Dringlichkeit erkannt - genau in dem Moment, als die große Informationsvermehrung einsetzte. Die Rechnung der größten deutschen Bibliothek, der zur Stiftung Preußischer Kulturbesitz gehörenden Staatsbibliothek Berlin, sieht etwa so aus: Die Schadensbilanz an ihren sieben Millionen Druckwerken beläuft sich auf 200 bis 300 Millionen Mark. Ihr Erwerbungsetat beträgt jährlich 15,5 Millionen. Davon versucht sie 10 Prozent für Konservierungsmaßnahmen abzuzweigen. Unter der abwegigen Annahme, dass keine neuen Schadensfälle mehr dazukämen, wäre bei diesem Tempo der Altbestand in 160 Jahren gerettet - oder eben nicht mehr, denn bis dahin ist ein großer Teil längst Staub.

Das Leben von Gedrucktem ist verlängerbar, wenn neue Werke von vornherein auf nichtsaures, holzfreies und damit alterungsbeständiges Papier gedruckt werden. Dessen Produktion ist inzwischen kaum noch teurer als die von saurem Papier. Recyclingpapier allerdings ist nicht haltbarer als saures Papier.

Die wichtigste Technik, um bereits Gedrucktem ein langes Leben zu bescheren, ist die Entsäuerung: die Herauslösung der an der Cellulose zehrenden Säuren und die Einbringung einer "alkalischen Reserve" in das Papier, die einige hundert Jahre lang weiterhin entstehende Säuren neutralisiert. Entsäuert werden Bücher schon lange, aber es geschah von Hand, und sie mussten dazu in ihre einzelnen Blätter zerlegt werden. Seit den achtziger Jahren wurde mindestens ein Dutzend Verfahren der Massenentsäuerung entwickelt, bei denen die Bücher chargenweise und unzerlegt in einer Art großer Waschmaschinentrommel mit einer alkalischen Chemikalie von ihren Säuren befreit werden. In Deutschland hat sich die Deutsche Bibliothek in Frankfurt 1994 für ein Verfahren der Firma Battelle entschieden, das ohne FCKW auskommt und die Bücher besonders schonend behandelt. Die Anlage steht im Keller der Deutschen Bücherei in Leipzig und kann jährlich etwa 200 000 Bücher entsäuern (siehe unten stehenden Artikel).

Bei 25 Prozent des Bücherbestands allerdings kommt die Entsäuerung zu spät. Wenn hier noch jemand hilft, dann der Restaurator und nicht mehr der Konservator. Jede Restaurierung, die das Buch samt seiner Aura in seiner ursprünglichen Gestalt erhalten soll, ist wesentlich teurer als die Massenkonservierung oder ein Nachdruck und darum von vornherein kostbaren Einzelstücken vorbehalten.

Zwei Verfahren gibt es, eine ist die Laminierung: Auf beide Seiten eines Blattes wird eine durchsichtige Folie oder ein dünnes Papier aufgebracht; meist nimmt man schlicht Japanpapier und Kleister. Das andere Verfahren ist die Spaltung in der Fläche. Voraussetzung ist, dass die Säuren die Cellulosemoleküle bereits stark verkürzt haben und das ganze Blatt also auf dem Weg ist, zu Mehl zu werden. Man klebt auf beide Seiten, zum Beispiel mit Gelatine, ein festes Trägermaterial, zum Beispiel Filterpapier, und zieht dann die Trägerbahnen gleichmäßig auseinander. Auf jeder bleibt eine Seite des Blattes samt ihrer Beschriftung haften, das Blatt ist gespalten. Jetzt klebt man beide Seiten passgenau gegeneinander auf ein sehr dünnes, sehr reißfestes, sehr beständiges Kernpapier, löst die Trägerbahnen ab, und fertig. Wenn das Blatt in dem Prozess auch entsäuert und mit einem alkalischen Puffer versehen wurde, ist es fit für eine kleine Ewigkeit.