"I buy and sell money" - so beschrieb Mickey Rourke als Broker in Adrian Lynes Film Neuneinhalb Wochen aus dem Jahr 1986 seinen Beruf. Dabei umgab ihn etwas Verruchtes. Die Börse war pervers, etwas für Zocker, die nicht schliefen, Drogen nahmen und in hermetischen Codes redeten. Eine geheimnisvolle, schillernde Einrichtung, deren Faszination durch Oliver Stones Wall Street, der sehr plakativen moralischen Intention des Films zuwiderlaufend, eher noch verstärkt wurde. Der Look des fiesen Börsengurus: Zigarre, zurückgekämmte, gegelte Haare und Hosenträger, entwickelte rasch ein modisches Eigenleben und dient ewigen "Machern" wie Hans-Hermann Tiedje bis heute als stilistisches Vorbild.

Ein Jahrzehnt später sind das Reden über die Kurse und das Denken in Börsenkategorien Teil des kollektiven Alltagsbewusstseins geworden. So wie die Psychiater der letzten Jahrhundertwende in Bildern von Dampfkesseln und Ventilen schrieben, wird heute von Optionen, Auf- und Abwärtstrends, steigenden und fallenden Kursen geredet, der Crash befürchtet und auf Entspannung, Erholung und Aufschwung gehofft - der Aktienkurse selbstverständlich.

Dieser Brief des Ministers ist ein kulturhistorisches Dokument eigener Art: Dass der Bund, den das Geld zwischen Aktionär und Management stiftet, für argumentativ stärker gehalten wird als jener zwischen Staatsbürger und Regierung, ist bemerkenswert. Der ehemalige Spitzenmanager Müller scheint nicht auf die Idee gekommen zu sein, dass ein Staat gar keine "Geschäftsfelder" hat, weil es nicht Ziel staatlichen Handelns ist, Profite zu erwirtschaften und Dividenden auszuschütten. Dass der Staat, etwa über die Garantie von Besitzrechten, überhaupt erst die Bedingung wirtschaftlichen Handelns schafft, ist belanglos, wenn das starke Bild von Aktionärsversammlung, Management und Börse beschworen werden kann.

Die Politik kann - so gern sie es vielleicht möchte - nicht an die Börse gehen. Kulturelle Unternehmen jedoch können es. Und sie tun es auch, allen voran der deutsche Film: eine Branche, die - von einzelnen Spitzen abgesehen - in den vergangenen zehn Jahren zwar einige Erholung zeigte, insgesamt aber weder als besonders profitabel noch als ausgesprochen kreativ aufgefallen ist. Könnte es sein, dass hier nicht der Aktionär vom Erfolg der Branche, sondern vielmehr die Branche vom Erfolg der Börse profitieren soll? Dass ein positiver Imagetransfer von der heißen, atemlosen Action des Parketts zum zähen, mediokren Strom des deutschen Films vorgenommen werden soll?

Going Public heißt ein Börsengang in der Fachsprache. Auf Filme bezogen, die ohnehin nur in der Sphäre der Öffentlichkeit existieren, hört sich das sonderbar an. Fast meint man, es soll eine andere, freundlichere und übersichtlichere Öffentlichkeit gesucht werden als die von Presse und Publikum geprägte.

Aimée und Jaguar, Die Apothekerin, Comedian Harmonists - if you liked the movie, you'll love the stocks. Begonnen hat der Aufbruch der Medienfirmen an den neuen Markt im August 1996 mit dem Rechtehändler EM TV, der mit Lizenzen für Kinderprogramme handelt. Dieser Börsengang war ein überwältigender Erfolg: Wer damals für einige tausend Mark Aktien gekauft hat, ist heute Millionär. Es folgten die Verleih- und Produktionsgesellschaften Kinowelt und Senator Film. Unterdessen sind auch Bernd Eichingers Constantin Film - und über Beteiligungen auch Til Schweigers und Iris Berbens Produktionsfirmen - sowie, mit der Postproduktionsgesellschaft Das Werk, Wim Wenders' Produktionsfirma Road Movies an der Börse notiert. Die Vorteile für die Produzenten liegen auf der Hand: Es eröffnet ihnen einen Mittelweg zwischen dem schwerfälligen Förderverfahren der Bundesländer und der babylonischen Gefangenschaft bei den Fernsehsendern. Und: Mit einem Schlag hat man richtig viel Geld zur Verfügung. Die Constantin Film konnte durch den Börsengang ihr Kapital von 33 auf 185 Millionen Mark erhöhen, immerhin eine Steigerung um 460 Prozent!

Das Vorbild sind die erfolgreichen Internet-Firmen: In der vergangenen Woche schaffte es eine zuvor völlig unbekannte spanische Internet-Firma an einem einzigen Tag, zum - nach Börsenwert - achtgrößten Unternehmen des Landes zu werden, eine Firma, die rote Zahlen schreibt. Verluste gelten als Zeichen intensiver Verbesserungen. "Gewinne können wir uns nicht leisten", erklärt Jeff Bezos, der legendäre Chef von amazon.com, gerne.