Es war nichts Ungewöhnliches - aber dennoch Grund genug für Katharina Berger, um die Geschäftsbeziehung zu ihrem Hauslabor abzubrechen. Die Hautärztin hatte für eine Blutprobe drei verschiedene Tests erbeten. Sie vermutete bei einem Patienten eine spezielle Störung des Immunsystems. Statt der 3 bestellten machte das Labor jedoch 15 Tests. "Das war Absicht", sagt die Ärztin, das Labor habe den Umsatz steigern wollen.

Über Mauscheleien in der Labormedizin können Ärzte stundenlang erzählen. Nicht nur werden Blut-, Stuhl- oder Urinproben auf eine Fülle von Parametern getestet statt auf wenige bestellte - Laborärzte tauschen auch Proben untereinander aus, jeder untersucht die Probe aufs Neue und rechnet erneut ab. Andere wiederum berechnen nie erbrachte Leistungen.

Eine Sonderrolle beanspruchen die Laborärzte auch bezüglich ihrer Skandale und Prozesse, die seit Jahren die gesamte Zunft aufwühlen. Das Landgericht Koblenz hat Ende Oktober einen Laborbesitzer zu vier Jahren und vier Monaten Haft verurteilt. Der Arzt soll einen Schaden von mehr als 1,7 Millionen Mark verursacht haben, indem er massenhaft Abrechnungen fälschte und zum Beispiel frei erfundene Leistungen aufführte. Im baden-württembergischen Ettlingen verbrachte der Inhaber einer Großpraxis wegen ähnlicher Vorwürfe einige Wochen in Untersuchungshaft und wartet nun auf sein Verfahren. Staatsanwälte vermuten Millionenschäden durch Laborärzte auch in Berlin und München. In Hamburg wurden bei einer Razzia neben zwei Laborpraxen auch Büroräume des Vorsitzenden der Kassenärztlichen Vereinigung durchsucht.

Auch der Besitzer von Deutschlands größter Laborpraxis, Bernd Schottdorf aus Augsburg, verbrachte kürzlich zwei Tage in Polizeigewahrsam. Erst gegen eine Kaution von 5 Millionen Mark kam er wieder frei. Betrügereien in der Höhe von 17 Millionen Mark wirft ihm die Staatsanwaltschaft vor - ein neuer Spitzenwert.

Der Fall ist auch deshalb prominent, weil Schottdorf mit Abstand der Größte seines Fachs ist. Rund 200 Millionen Mark setzt er jährlich mit seinen mehr als 1000 Mitarbeitern um. Er kooperiert bundesweit mit 14 000 Ärzten und analysiert rund ein Fünftel aller medizinischen Proben in der Republik. Zudem könnte das Verfahren gegen Schottdorf die Weichen für die Zukunft der deutschen Labormedizin stellen. Denn es geht um die Grundsatzfrage, ob die Selbstverwaltung der Ärzte noch in der Lage ist, ihre Probleme zu lösen.

Die Vorwürfe gegen das Augsburger Großlabor liegen diesmal deutlich anders als bei anderen Betrugsverfahren. Die Staatsanwaltschaft wirft Schottdorf nicht gefälschte Abrechnungen vor, sondern dass er Anfang der neunziger Jahre Strohmänner beschäftigt habe. Von 1986 bis 1995 begrenzte in Bayern eine Sonderregel das Honorar, das jeder Laborarzt beziehen durfte. Um seinen Großbetrieb weiter aufrechtzuerhalten, habe Schottdorf damals Ärzte als Scheinpartner in seine Praxis geholt, moniert nun die Staatsanwaltschaft. Mit der vergrößerten Ärztezahl habe das Labor von Anfang 1993 bis Mitte 1995 rund 17 Millionen Mark über die zulässige Honorargrenze hinaus abgerechnet. Die Leistungen seien durchaus erbracht worden, betont der zuständige Staatsanwalt Reinhard Nemetz. Nur eben nicht gemäß den damals geltenden Regeln. Wenn die Vorwürfe stimmen, hätte Schottdorf sich vor allem zu Lasten anderer Laborärzte Geld aus dem gedeckelten Honorartopf besorgt.

Harte Konkurrenz und Geldgier verleiten zum Abrechnungsbetrug