Otto Graf Lambsdorff hat keine Illusionen, aber die Zuversicht gibt er nicht auf. Die Verhandlungen über die Entschädigung der ehemaligen Zwangsarbeiter, mit denen der Bundeskanzler ihn betraut hat, sind zäh und unerfreulich, ein Ende der finanziellen Auseinandersetzungen ist nicht in Sicht. Soll das "würdelose Geschacher", das "unwürdige Pokerspiel", noch lange weitergehen? Der 73-jährige Graf, ein politisches Schwergewicht von Rang, seit einem Jahr "in Rente", kann die Scham vieler Menschen verstehen. Als gelernter Banker und Wirtschaftsanwalt, der jetzt wieder in seiner Düsseldorfer Kanzlei sitzt, betrachtet er den Streit ums Geld allerdings gelassen: "Wo es um so viel geht, wird immer hart verhandelt. So ist die Welt. Ich kritisiere das nicht."

Momentaufnahme aus dem Unruhestand eines aristokratischen "Bellheim": Abendessen mit dem Ehepaar Lambsdorff am Donnerstag vergangener Woche. Die Entschädigungsverhandlungen sind vertagt worden, das Handelsblatt lastet dem Grafen eine "verpasste Chance" an, die Süddeutsche Zeitung ruft nach einem Bundespräsidenten a. D., der die Kohlen aus dem Feuer holen soll, aber Lambsdorff ärgert etwas ganz anderes: Seine amerikanischen Freunde haben in die politische Trickkiste gegriffen. "Sie sind die Herren der Welt, aber sie zeigen es auch", knurrt er. Stuart Eizenstat, der Sonderbeauftragte des amerikanischen Präsidenten für die Verhandlungen, stellvertretender US-Finanzminister, einflussreich und in der jüdischen community verwurzelt, hatte am Mittwoch in Berlin eine Pressekonferenz zum Fortgang der Entschädigungsverhandlungen angesetzt, von der Lambsdorff nur zufällig erfuhr.

Er habe geahnt, dass es schwer werden würde, sagt er, "aber wie schwer, das wusste ich nicht." An der Plenarsitzung nehmen 80 bis 90 Personen teil, davon über 40 mit Mikrofon. Zu den Teilnehmern gehören fünf mittel- und osteuropäische Staaten (Russland, Weißrussland, Ukraine, Polen, Tschechien), die Regierung von Israel, die Jewish Claim Conference und die Rechtsanwälte der Opfer. "Aber es ist ja nicht nur eine physische Belastung", sagt Lambsdorff, "sondern auch eine psychische. Man muss doch dafür sorgen, dass diese armen, wenigen Überlebenden noch etwas von dem Geld sehen." Für ihn gehört das zum Thema Menschenrechte, und da reagiert er seit eh und je empfindlich.

In der Wirtschaft wird das anders gesehen. Einige Unternehmer hoffen, dass die Entschädigung umso billiger wird, je länger sie verhandeln. Der Graf nennt das ohne Umschweife "unanständig" und die Annahme außerdem "völlig falsch": "Wir haben im Februar verabredet, dass jeder seinen Anspruch vererben kann, der nach Februar 1999 stirbt. Und das ist gut so." Punkt. Ausrufezeichen. Ende. Wo alles beliebig ist, wirkt Lambsdorffs Prinzipientreue altmodisch, aber auch sehr attraktiv. Wenn er in Fahrt kommt, bleibt nichts mehr im Ungefähren.

Seine Verhandlungsführung wird kritisiert, die Wirtschaft mault, er sei den Amerikanern gegenüber zu willfährig. Darauf antwortet er nur: "Die Verhandlungsposition von jemandem, der unbedingt zahlen muss, um moralischen Anliegen einigermaßen gerecht zu werden, und der dafür nur eine Gegenleistung in der Form des Rechtsfriedens herausholen kann, diese Verhandlungsposition kann nicht sehr stark sein." Sie ist nur anstrengend - selbst für einen Mann, der Übung darin hat, Konflikten nicht aus dem Weg zu gehen, und "nur in Grenzen bereit ist, sich angenehm zu machen", wie der Journalist Friedrich Karl Fromme schrieb.

Die Wirtschaft macht ihm Sorgen. Politische Überlegungen sind ihr eher fremd. Er kennt ihre Denkweise: "Ich weiß, dass ein Vorstand, der so etwas entscheidet, in seinen Aufsichtsrat muss, dass er die Entscheidung vor der Hauptversammlung vertreten muss und dass das nicht einfach ist. Das ist mir alles klar." Die "fürchterlichen Anzeigen", die jüdische und polnische Opferorganisationen in den amerikanischen Zeitungen schalteten und die sich gegen den Chemieriesen Bayer und Daimler-Benz richteten - Unternehmen, die die Stiftungsinitiative der deutschen Wirtschaft von Anfang an unterstützten -, erreichten nur, dass die Vorstandschefs jetzt mit dem Gedanken spielen, sich aus den lästigen Verhandlungen zu verabschieden und ihre Zwangsarbeiter selber zu entschädigen.

"Aber wo bleiben dann diejenigen, die im Krieg für deutsche Firmen arbeiteten, die es heute gar nicht mehr gibt?", fragt Lambsdorff. "Das löst das Problem nicht, und mit Anstand hat das auch nichts mehr zu tun. Das wird nicht funktionieren. Vor allem bekommen sie keinen Rechtsfrieden und haben immer wieder Prozesse am Hals." Die legal closure glaubt er ihnen versprechen zu können, wenn sie bei der Initiative mitmachen: "Die amerikanische Regierung hat den ,Rechtsfrieden' zugesagt. Das haben wir in trockenen Tüchern. Eizenstat hat sich große Mühe gegeben. Da hat er sich Verdienste erworben."