Vergangene Woche, im Fall Mannesmann, dachte man noch, die Barbaren lauern nur da draußen, vor den Werkstoren der Deutschland AG. Man hatte gehört, dass sie von weit her gekommen sind, um zu räubern, zu plündern, zu fleddern. Seit dem Zusammenbruch der Philipp Holzmann AG aber ist klar: Die Barbaren hausen auch mitten unter uns.

Einst, in den Achtzigern, waren es skrupellose Firmenräuber, die mit geliehenen Milliarden in Amerika Übernahmeschlachten entfachten und die erbeuteten Konzerne dann ausschlachteten. Jetzt heißt der mutmaßliche Plünderer Vodafone, das Opfer Mannesmann. In einem Übernahmecoup will der britische Mobilfunkbetreiber den Düsseldorfer Konzern schlucken und anschließend filetieren. Der Kanzler, sein Finanzminister, der NRW-Ministerpräsident nebst Oppositionsführer, ja sogar der FDP-Chef - sie alle schließen sich dem Chor zur Abwehr der ausländischen Raubritter an. Gemeinsam gegen Vodafone und England, für Mannesmann und Deutschland. Und Bild titelt passend dazu: "Keine Übernahme unter dieser Nummer - 0172 bleibt deutsch!"

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Mannesmann und Holzmann markieren, auf ganz unterschiedliche Weise, den Abschied von der guten alten Deutschland AG, jener auf Konsens bedachten fürsorglichen Variante des Kapitalismus. Der Angriff von Vodafone lehrt, dass selbst die Schmuckstücke von Corporate Germany angreifbar sind, potenziell Opfer fremder Begehrlichkeit. Der Fall Holzmann zeigt, dass nicht einmal ein Jahresumsatz von zwölf Milliarden Mark und 28 000 Beschäftigte eine Rettung garantieren. Früher hätten Gläubigerbanken, Staat und Beschäftigte ein solches Unternehmen sofort vor dem Absturz bewahrt. Heute sperren sich die Banken mit Hinweis auf die Interessen ihrer Aktionäre einem teuren Sanierungsmarathon. Das ist das Gemeinsame: Die Hauptakteure - hier Vodafone und Mannesmann, dort die Geldhäuser - haben sich dem Diktat der internationalen Kapitalmärkte untergeordnet.

Die Politik reagiert in beiden Fällen hilflos. Zur Rettung von Holzmann will der Kanzler tun, was er kann, sagt aber selbst, dass das nicht viel sei. Von einer Auffanggesellschaft ist die Rede und von einer staatlichen Bürgschaft. Das klingt nach massivem Einsatz von Steuergeldern. Möge die Pleite bloß nicht in eine Beschäftigungsgesellschaft münden, eine jener Mega-ABM, die schon in Ostdeutschland kaum mehr als die Illusion von Arbeit vermittelt haben.

Dem Angriff auf Mannesmann begegnet die politische Klasse mit nationalem Pathos und Moralappellen. Dass auch deutsche Konzerne im Ausland gewildert haben, das Herz von DaimlerChrysler in Stuttgart schlägt und Rolls-Royce aus Wolfsburg gesteuert wird, verschweigt man diskret. Wer fragt denn hierzulande, was die Londoner Beschäftigten der Mobilfunkfirma Orange davon halten, dass sie fortan von Düsseldorf aus bestimmt werden - von den Mannesmännern, die Orange gerade gekauft haben?

Braucht Mannesmann überhaupt staatlichen Schutz? "Halt dich raus, Schröder, das ist Business", empfahl die britische Presse. Die Übernahmeschlacht ist ein fairer Kampf zwischen zwei Konzernen, zwei Strategien. Der Markt mag entscheiden, wer sonst? Die Politik als Ratgeber ist hier nicht willkommen, nicht einmal beim Chef des bedrängten Konzerns. Ihm ist der nationalistische Beigeschmack eher peinlich. Mannesmann hat sich aus der Deutschland AG ohnehin längst verabschiedet. 60 Prozent der Aktien sind in ausländischer Hand. Vorstandschef Klaus Esser ist ein Produkt der kühlen Kapitalmarktlogik, gegen die Politiker jetzt zu Felde ziehen.

Hier geht es um Effizienz, nicht um Gerechtigkeit. Der Versuch, Moralin in die Venen der Konzerngiganten zu spritzen, die sich im Übernahmepoker gegenüberstehen, würde dasselbe bewirken wie die Aufforderung an einen Torjäger, doch bitte schön vorbeizuschießen, aus Mitleid. Vodafone versucht eine feindliche Übernahme, nun ja. Aber die Attacke richtet sich nicht gegen die 130 000 Beschäftigten, deren Jobs und Mitbestimmungsrechte Vodafone-Chef Chris Gent am Dienstag garantierte. Gent zielt allein auf das Mannesmann-Management, das seinen Plan eines friedlichen Zusammenschlusses brüsk abgelehnt hat.