Wenn die französischen Radiosender schon am frühen Morgen ausschließlich ernste Musik spielen, wissen die Zuhörer, was die Stunde geschlagen hat: Streik. Bei den staatlichen Sendern kann er wochenlang dauern, Wochen ohne Nachrichten und ohne die gewohnten Sendungen.

Der Streik bei Radio France begann am 16. November. Die Streikenden verlangen, dass ihr Eigentümer, der Staat, im eigenen Wirkungsbereich durchsetzt, was er von allen Privatunternehmen verlangt: Verkürzung der Wochenarbeitszeit auf 35 Stunden zur Schaffung neuer Arbeitsplätze.

France-Culture hat vor ein paar Monaten eine neue Chefin bekommen, Laure Adler, einst Kulturberaterin von François Mitterrand. Im Haus und bei den Hörern wurde ihre Ankunft mit überschwänglicher Freude begrüßt, man erhoffte sich eine Modernisierung auf hohem intellektuellem Niveau - schließlich war Laure Adler als vorzügliche Radiojournalistin bekannt. Die Freude schlug um, sobald die neue Direktorin im September das neue Programmraster eingeführt hatte: kürzere Wortstrecken, mehr Musik, mehr "Unruhe". "Wir wollen vermeiden", so wurde erklärt, "dass Sender und Publikum gemeinsam altern."

Die Stammkundschaft des Senders fühlt sich seither für dumm verkauft und protestiert. Es sind zwar bloß 450 000 Zuhörer am Tag (weniger als 1 Prozent Marktanteil), doch haben viele ein ausgesprochen leidenschaftliches Verhältnis zu "ihrem" Sender. Alle großen Tages- und Wochenzeitungen haben Briefe von enttäuschten Liebhabern veröffentlicht, die nicht mehr wissen, wo sie nun Radio hören sollen. Denn andere Kultursender gibt es in Frankreich nicht.

Ein Arzt, dessen "ganzes Leben mit France-Culture verknüpft ist", hat die Vorwürfe in Le Monde zusammenge- fasst: Kult der Einschaltquote, der Jugendlichkeit und der Marktuntersuchungen, das Verschwinden von Qualitätskriterien, die willkürliche Streichung beliebter Rubriken, kurz, es handle sich um den Versuch einer permanenten Revolution ohne höheres Ziel.

Laure Adler setzte sich in derselben Ausgabe von Le Monde mit wohlgesetzten Worten, aber kaum überzeugenden Argumenten zur Wehr: Auch France-Culture wolle "dem neuen Jahrtausend die Stirn bieten". Im Übrigen gelte es, so sagte sie bei anderer Gelegenheit, Strukturprobleme zu regeln, die nichts mit ihrer Person und ihrer Zukunftsvision zu tun hätten.

Angesichts der Masse und Wucht der Proteste hat Laure Adler inzwischen in einigen Punkten eingelenkt. Die Direktorin will die Reform nicht mehr als Bravourstück durchsetzen. Sie will mit Autoren und Hörern ausführlich reden und will deren Beschwerden berücksichtigen. Ein paar Sendungen, die schon abgeschafft waren, erleben eine Wiedergeburt. Die Ähnlichkeit mit Zuständen in deutschen Kultursendern ist rein zufällig. Fürs Erste ist auf den Wellen von France-Culture noch immer viel Trauermusik zu hören.