Viel Umfang - aber kein Blatt zuviel!" So wirbt der Verlag der Frankfurter Rundschau für seine Zeitung, sehr schön. Aber nicht ganz wahr. Denn in der vorvergangenen Woche gab es sehr gewiss ein Blatt zu viel resp. eine ganze Seite. Ein Privatdozent aus Chemnitz, wir berichteten, hatte der Redaktion zum 60. Jahrestag des Bürgerbräu-Anschlags auf Adolf Hitler ein abstruses Traktätchen angedreht, weltfremd und historisch kenntnisleer, aber voll verkniffenen Ressentiments gegen den Widerstandskämpfer Georg Elser. Ein offensichtlich überforderter oder unbedarfter Redakteur (oder auch ein exzellenter Redakteur in einem Moment der Unbedarftheit oder Überforderung) hatte willig oder bloß schlaftrunken eine ganze Seite "Dokumentation" daraus gemacht.

Kann passieren, errare etc. Beneidenswert, wer frei davon.

Obwohl wir natürlich noch nicht wissen, ob und wie Christian Meier den Fall - in jedem Fall abschließend - kommentieren wird. Der Präsident der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung, Praeceptor Germaniae, räsoniert neuerdings recht eifrig im Feuilleton des Frankfurter Blattes über den Weltenlauf, von der Wehrmachtsausstellung bis zum "Reformstau". Zweifellos, dessen dürfen wir sicher sein, würde sein Beitrag auch zu dieser "scharfen Kontroverse" sehr, sehr ausgewogen ausfallen, wie schon im Fall der Wehrmachtsausstellung oder als es 1994 (damals noch in der FAZ ) um den Protest gegen die Terror- und Folter-Funktionäre in China ging: "Es könnte sich irgendwann gar die Frage stellen, ob es wirklich tunlich ist, etwa in China die Beachtung der westlichen Menschenrechte einzufordern."

In der allerdings heißen Kontroverse um die Wehrmachtsausstellung nun gab der bekannte Caesar-Biograf zu bedenken, dass "die Wucht des Ganzen, gewollt oder ungewollt, auf eine große Pauschalisierung" hinauslaufe, "in der die Wehrmacht als Organisation wie als Summe von Soldaten in eins" fließe. Und wenn so bedeutende Historiker und Präsidenten und nicht minder bedeutende Kollegen wie Horst Möller und Lothar Gall dann nachhaltig verstimmt oder auch nur (wie Meier) bedenklich ihr Haupt wiegen, dann hinterlässt das schon so seinen Eindruck am Mittelweg in Hamburg, beim Institut für Sozialforschung. Da scheint es zurzeit auch gar nichts mehr zu nützen, dass Zuspruch selbst von alten Landsern kommt. So notierte zum Beispiel einer - Soldat von 1940 bis 1945; sein Schwager fiel, zwölf Tage vor dem 19. Geburtstag, 1943 bei Smolensk - in etwas eigenwilliger Orthografie: "Zumindest für die Zeit meines Vaters & meine=eigene darf ich es behauptn : es gab keinen größeren Sauschtall auf Erdn; keine größere Drillanschtalt für Brutalität & Rohheit, keinen breiteren Tummelplatz für hürnene Beschrennktheit & infantile Grausamkeitn : als das deutsche Milliteer."

Aus einem Bargfeld bei Celle kommt das und läuft, zugegeben, auf eine große Pauschalisierung hinaus. Der Mann soll aber, das wird Professor Reemtsma und eventuell auch Professor Meier interessieren, auch schon sehr differenzierte und sensible Bücher geschrieben haben.