Statistisch gesehen fehlt der Berliner tageszeitung alle fünf Jahre, was sie noch nie besaß: Kapital. Genauso regelmäßig belästigt die taz ihre Leser mit der Chronik des angekündigten Todes. Neue Abos, oder das Narrenschiff sinkt. Doch es gibt Sympathisanten, die fühlen sich nicht mehr bedroht, denn ihre Treue ist schal geworden, müde und leer. Es ist die Treue nach dem Tod der Leidenschaft. Eine Welt ohne taz ? "Die Welt wird es überleben."

Diese Lage ist neu. Bislang hatte die taz nur ein ökonomisches, jetzt hat sie auch ein politisches oder, wie unsere Marketingphilosophen zu sagen pflegen: ein Profilproblem. Dabei wäre die Finanzkrise im Handumdrehen zu lösen. Zwei Jahrzehnte war die taz der Garten Eden des "bürgerlichen Journalismus". Die Herren der Konkurrenz winkten, und oft genug fielen ihnen die wilden Früchte einfach in den Schoß. So wurde die taz zum Nachwuchsversorgungswerk der deutschen Presse, was diese ihr nie verzeihen wird. Dafür hat die Redaktion dreifach bezahlt, mit Hungerlöhnen, biografischem Selbstverzehr und dem Verlust der Besten. Das schreit nach Wiedergutmachung. Ein Promille des Werbeetats von FR-SZ-FAZ und sternZEITSpiegel , überreicht in Leisler Kieps persönlicher Aldi-Tüte - und die taz ist gerettet.

Zwischen Regierung und Revolte lebt die taz in Feindschaft mit sich selbst. Oben KomA, unten AmoK. Im Klamaukrevier, auf der allerletzten Seite, besorgt Wiglaf, der Satirewichtel, die Resteverwertung seines Ressentiments. Der letzte Linke? Nein, der deutsche Michel, der seinen Gartenzwergen den Schädel einschlägt, weil sie ihm den Blick in den eigenen Abgrund versperren.

Die taz, das ist ihr Unglück, überfordert sich nicht mehr, schon gar nicht mit den Wonnen der Theorie. Das Schicksal teilt sie mit anderen, aber für sie ist es tödlich. Käme jemand mit dem Genie eines Foucault und der Verzweiflung eines Camus, getarnt mit der blinden Wut eines Houellebecq: "Nö, kein Platz, sonst gerne, wir sind Regierung." Im Gegenzug sucht die taz 300 neue Leser. Woche für Woche.