Da steht eine Frau, die Augen nieder geschlagen, den Blick fest auf den Boden gerichtet, die Lippen zusammengepresst. Um das gerötete Gesicht liegen fettige Locken, die Schultern hängen, die Hände sind schuldbewusst in den Taschen vergraben. Aber dann platzt die Wut aus der Frau heraus. Sie kann sie dem Schulleiter nicht geben, die 30 Franc, die die Extraausgaben decken sollen. Zwar hat sie den Betrag in der Tasche, aber damit müssen sie und ihre Tochter bis zum Ende des Monats auskommen. Und heute ist erst der Dreiundzwanzigste. Wie sie das schaffen wolle, fragt der Schulleiter betroffen. Sie werde Milch kaufen und trockene Biskuits, sagt die Frau.

Es beginnt heute heißt Bertrand Taverniers Film. Morgen freilich wird es genauso weitergehen in Hernaing, einer kleinen Ortschaft in der Nähe von Valenciennes, dem ehemaligen Kohlerevier im Nordosten Frankreichs. Tavernier hat eine école maternelle ins Zentrum seiner Filmerzählung gerückt. Als Vorschule eingerichtet, um Kindern aller Schichten die gleichen Chancen beim Schulstart zu verschaffen, leisten die écoles maternelles heute eher kostenfreie, ganztägige Kinderbetreuung. Die écoles sind ein sozialer Ort, eine Schnittstelle zwischen privater und öffentlicher Sphäre. Hier bleibt wenig geheim - weder das Verhalten der Behörden noch die Lebensumstände der Menschen. Und das interessiert Tavernier.

Es beginnt heute ist keine zarte phänomenologische Annäherung an ein Thema, sondern eine brachiale Anklage. Obwohl der Film teilweise unter dokumentarischen Bedingungen entstand, ist er nicht mit der flinken Handkamera gedreht, sondern im Cinemascope-Format. In manchen Szenen fragt man sich, wo Tavernier die Apparatur untergebracht hat, mit der ihm immer wieder faszinierende Einstellungen gelingen. Lefebvre singt mit den Kindern, die Kamera gleitet an seinem Arm herab; jetzt kommen die Gesichter und die Hände der Kleinen ins Bild, sie nehmen die Bewegung der Kamera wie die des Armes auf und führen sie in einen eigenen, langsamen, nachahmenden Rhythmus.

Ein anderes Mal, als die Kamera einen Beerdigungszug aus dem Gebäude des Kindergartens zeigt, malt die Cadrage ein Bild im Bild: draußen der Zug, drum herum die Fensterrahmen, am Rand Tische, Stühle, eine Tafel. Wenn Tavernier allein das Kreischen der Kinder auf die Tonspur legt, passt alles. Aber wenn er die gleiche Apparatur im schnellen Schwenk herumreißt, um pseudodokumentarisch einer Schlägerei zu folgen, hat man den Eindruck, die Welt bräche aus den Fugen.

Ähnlich ambivalent ist die Dramaturgie des Films: In einem Moment scheint Lefebvre alle Fäden in der Hand zu halten, im nächsten Augenblick führt uns Tavernier seine Ohnmacht, ja Bedeutungslosigkeit vor Augen. Die Eltern "seiner" Kinder sind Arbeiter und Arbeitslose, er aber hat den Sprung in die bürgerliche Schicht geschafft, die sich mehr mit Beziehungsproblemen beschäftigt als mit dem alltäglichen Kampf ums Brot. Mit Genuss inszeniert Tavernier die falsche Geste, mit der Lefebvre und seine Freundin Valéria (Maria Pitarresi) einer Arbeiterfamilie ein paar hübsch verpackte Patisserien vorbeibringen. "Hast du das gesehen?", raunt der Lehrer seiner Begleiterin mit Blick auf das Durcheinander hinter der halb geöffneten Wohnungstür zu. "Daniel Lefebvre ist ein positiver Held, wie ihn das französische Kino nicht mehr zu zeigen wagt", schreiben die Cahiers du Cinéma und verschweigen den Preis dieses Heldentums. Während es bei Madame Bry (Nathalie Desprez) nur trockene Biskuits zum Abendbrot geben wird, speist man im Haus Lefebvre Kaninchen in Pflaumensauce. "Oh, das klingt lecker!", ruft Valérias Sohn. Die Reaktion der ärmeren Kinder angesichts ihres Abendmahls sieht man nicht.

Gelegentlich passen das dokumentarische und das fiktionale Material bei Tavernier nicht zusammen. Manchmal ist der moralische Zeigefinger zu hoch erhoben, die Gegenüberstellung von Opfern und Kämpfern allzu glatt. Dann wieder klebt der Film an seinem Hauptdarsteller, statt einen präzisen Ausdruck für die Misere zu suchen, von der er handeln will. Wenn Le- febvre zum Schluss gar als Lokalpoet gezeichnet wird, der aus dem Off Verse rezitiert, scheint der Bogen endgültig überspannt: "Sie haben die Minen geschlossen. / Die klappernden Mühlen zum Verstummen gebracht. / Männer zeigen den Kindern / die Apfelbäume an der Straße nach Solesmes, / die von Ziegeln erwärmte Luft, / den rundbäuchigen Karpfen."

Umgekehrt kann man gerade an diesen filmischen Patzern die Spur des wirklichen Lebens ablesen. Tavernier hat mit Laien und Berufsschauspielern gedreht. Manchmal wird improvisiert, dann wieder hält man sich strikt ans Drehbuch, das aus der Feder des Vorschuldirektors und Autors Dominique Sampiero stammt. Irgendwie sind in diesem Durcheinander nicht nur viele Realitätspartikel hängen geblieben; ab und zu scheint sogar so etwas wie die Wahrheit durch - ähnlich wie in Bruno Dumonts Film La vie de Jésus , der das Leben arbeitsloser Jugendlicher in einem Nachbarort von Hernaing beschrieb. Es ist, als hätte Tavernier diese mörderischen Kids noch als unschuldige Kinder er- wischt. Dass er angesichts ihrer desolaten Situation die Schule besucht, um als Don Quixote des Kinos gegen die sozialen Windmühlen zu reiten, ist nicht nur verzeihlich. Es ist bewundernswert.