Brüssel

Der Kampf um das Kosovo gilt zu Recht als prägendes Ereignis in der Geschichte der Transatlantischen Allianz. Antriebsschwach und ohne rechte Orientierung stand die Nato nach dem Mauerfall und dem Verlust des alten Gegners da. Nun aber schreitet sie - glaubt man den wechselseitigen Gratulationsadressen der Amerikaner und Europäer - gefechtsgestählt und mit aufgefrischten Treueschwüren ins 21. Jahrhundert. Die Devise des Kriegsgeburtstagsgipfels Ende April lautete: Life begins at 50!, das Leben fängt mit fünfzig an.

Seit knapp einem halben Jahr werden in der Nato unter der Rubrik "Lehren aus dem Kosovo" schonungslos die partnerschaftlichen Defizite offen gelegt. Wer steuerte in 78 Bombentagen denn über 70 Prozent der Flugzeuge bei, über 80 Prozent der Munition, über 90 Prozent der Marschflugkörper? Die USA. Wer war - mangels Gegenaufgebot - verantwortlich für die strategische Aufklärung? Kommunikation? Lufttransport? Ist ja schon gut! "Die Verteidigungsausgaben der europäischen Nato-Staaten betragen 60 Prozent der unseren", erklärte der Amerikaner William Cohen auf einem Treffen der Nato-Verteidigungsminister in Toronto, "aber sie bekommen dafür nur 10 Prozent unserer Leistungsfähigkeit. Das muss sich ändern." Der Ton ist freundlich - aber der stählerne Nachhall ist unüberhörbar.

Vor der Kamera lächeln die Kollegen aus Europa tapfer, aber hinter geschlossenen Türen brechen sich die Emotionen schon mal Bahn. Ein hoher deutscher Beamter soll, in einem Hintergrundgespräch nach der Praxis der Zielabsprachen mit den Amerikanern während der Luftbombardements befragt, in Wutgeheul ausgebrochen sein: "Nichts! Gar nichts haben die uns von ihren Satellitenbildern gezeigt!!" Einer, der die Feldherren der Nato aus der Nähe beobachtet hat, bemerkt trocken: "Wir sind in jeder Hinsicht abgehängt worden. Sogar den Briten war das zu viel."

Das soll nun anders werden: Die EU beäugt ihre Pflugscharen, um zu prüfen, ob sich nicht doch das eine oder andere Schwert daraus hämmern lässt. Mitte November kamen zum ersten Mal in der über 40-jährigen Geschichte des sich vereinigenden Europa die Außen- und Verteidigungsminister der Union im selben Brüsseler Sitzungssaal zusammen, um über eine gemeinsame Verteidigungspolitik zu sprechen. Ein symbolischer Akt, gewiss. Selbst der aber wäre vor einem Jahr undenkbar gewesen; wenige Bereiche sind so eisern von den Staaten der EU als nationale Domäne verteidigt worden wie die Diplomatie und das Kriegshandwerk.

Immerhin wurde schon 1992 mit dem Maastrichter Vertrag das juristische Fundament für eine Gemeinsame Außen- und Sicherheitspolitik (Gasp) der EU ausgehoben. Erstmals wurde der Union darin erlaubt, sich für Kriseneinsätze an das militärische Verteidigungsbündnis WEU (Westeuropäische Union) zu wenden, das bis dato friedlich am Rande der europäischen Institutionenfamilie geschlummert hatte. Ausgegossen wurde die Plattform dann 1997 mit dem Amsterdamer Vertrag: Die Gasp bleibt Sache der Staaten, aber sie soll von einem gemeinsamen Repräsentanten - "Herr/Frau Gasp" - koordiniert und vertreten werden. Die künftige Verteidigungspolitik der EU umfasst danach "humanitäre Aufgaben und Rettungseinsätze, friedenserhaltende Aufgaben sowie Kampfeinsätze bei der Krisenbewältigung einschließlich friedensschaffender Maßnahmen", die so genannten "Petersberg-Aufgaben".

Doch an diesem Punkt blieben die Bauarbeiten stehen. Noch im Herbst 1998, da hatten serbische Artillerie und Milizen einen ganzen Sommer lang die Dörfer und Felder des Kosovo in Asche gelegt, waren Europas Staatsmänner außerstande, sich auf ein Embargo gegen Jugoslawiens Fluglinie JAT zu einigen. Erst Amerikas diplomatische Mehrzweckwaffe Richard Holbrooke zwang, einen Nato-Einsatzbefehl unter dem Arm, Slobodan Milocevic zum Einhalten. Vorläufig.