Jeder dieser drei Herren ist glücklicher Vater. Überhaupt haben alle drei ein Herz für Kinder, vor allem für die Kleinsten. Dazu fühlen sich die drei berufen, und das ist auch ihr Beruf. Dafür werden sie in Brüssel bezahlt.

Maurits Bruggink zum Beispiel. Der Holländer, Vater von fünfjährigen Zwillingen, steht als Cheflobbyist in den Diensten von Europas Spielzeugindustrie. Die beiden Kinder von Bernardo Delogu sind schon älter. Und doch musste der Referatsleiter für Verbraucherschutz und Umwelt in der Brüsseler Kommission in den vergangenen Wochen immer wieder an die Zeit denken, als seine Tochter Arianna noch ein Baby war und "wirklich an allem herumnuckelte". Am liebsten knabberte sie an Beißringen aus buntem Plastik, wie sie der italienische EU-Beamte jetzt in Europas Namen verbieten will. Das sei "auch höchste Zeit", sagt Axel Singhofen. Der Chemieexperte von Greenpeace setzt sich seit dem Herbst 1997 für einen Verkaufsstopp von Babyspielzeug aus Weich-PVC ein, seit einem halben Jahr mit noch mehr Verve als vorher. Im Frühjahr nämlich wurde seine Tochter Lilian geboren, und seither beobachtet Singhofen, wie "Babys die Welt erobern, indem sie alles in den Mund stecken". Dann wird die Stimme des 34-jährigen Vaters streng: "Deshalb müssen wir verhindern, dass unsere Kinder auf Gift beißen."

Nur, dieses Wunder der Chlorchemie ist alles andere als harmlos. Denn die Phtalate sitzen so locker im PVC, dass sie leicht austreten - etwa, wenn Babys daran lutschen oder knabbern. Die Folgen? Greenpeace-Mann Singhofen zitiert EU-Studien, die vor Schäden an Nieren, Leber und Hoden warnen. Deshalb fordert er, noch vor Weihnachten, ein Sofortverbot. Phtalate für Babys, das sei "der Ernstfall".

Bis eine EU-Richtlinie greift, dauert es zwei Jahre

Immerhin zum "Notfall" hat der Kommissionsbeamte Bernardo Delogu die Sache vor zwei Wochen erklärt. Nur auf dieser juristischen Grundlage nämlich kann die EU-Kommission, per "Emergency-Ban", noch ins Weihnachtsgeschäft eingreifen. Die langfristig gültige EU-Richtlinie, mit der die Brüsseler Behörde ihr Verbot absichern will, wird mindestens zwei Jahre brauchen, ehe EU-Parlament und Ministerrat zustimmen. Diese Woche sollte ein Fachausschuss der Kommission entscheiden, ob der "Notfall" - Europas erstes Produktverbot - da ist. Wieder ging man ohne Einigung auseinander und vertagte die Entscheidung.

Wann immer es in Brüssel um Weichmacher geht - irgendeiner legt sich quer, verzögert oder verhindert. Dazu sind keine fiesen Dunkelmänner und keine gerissenen Manipulateure vonnöten. Die Lobbyisten haben begriffen, dass sie der Kommission keine Gesetze diktieren und nicht einfach Papiere unterschieben können. Um Richtlinien in ihrem Sinne zu verändern, setzen Lobbyarbeiter in der EU-Welt da an, wo der politische Apparat am verwundbarsten ist: am Faktor Zeit. Wenn es ihnen gelingt, ihnen lästige Gesetze hinauszuzögern, haben sie ihr Minimalziel erreicht. Jeder Monat, der ohne Notverbot verstreicht, nützt der Chemie- und Spielzeugindustrie.

Auf dem Spiel stehen nämlich nicht nur Quietscheentchen, sondern die strategischen Interessen der Konzerne. Die sorgen sich, dass ein Verbot der Weichmacher im Spielzeug eine Kettenreaktion auslösen werde: erst das Tabu für Beißringe, dann für andere PVC-Erzeugnisse, und irgendwann vielleicht das Aus für die gesamte Chlorchemie?