Was ist die Aufgabe der Presse? Die Aufgabe ist, über Fakten zu informieren, nicht, Meinungen zu indoktrinieren

Herrschaft durchschaubar zu machen, Urteile, auch wenn sie befremdlich sind, mit Toleranz zu prüfen, Probleme zu rationalisieren und Stimmungen zu entemotionalisieren.

Das alles ist nicht leicht. Es gibt Vorurteile, und es gibt Versuchungen - beispielsweise die Versuchung, eine andere Meinung als Häresie zu verunglimpfen oder Illusionen als moralische Maximen darzustellen.

Die sechsspaltige Überschrift der Welt auf der ersten Seite am Wochenende lautete: "Die antisemitische Stimmung in Deutschland wächst". Als Beweis wird die törichte Umfrage eines Instituts angeführt, zu der tausend Befragte Stellung nehmen mussten. Es war keine Frage, sondern eine insinuierende Aussage. Sie lautete: "Die Juden haben einfach etwas Besonderes und Eigentümliches an sich und passen daher nicht so recht zu uns" - nur 59 Prozent der Deutschen hätten mit "deutlicher Ablehnung" reagiert. Und dieser fragwürdige Beweis dient als Rechtfertigung für einen alarmierenden Titel auf der ersten Seite!

Schade, ich hatte die Welt in den letzten Monaten - seit ihrer Wende - allenthalben als eine der besten Tageszeitungen gepriesen und zum Lesen empfohlen, weil sie wunderbar übersichtlich strukturiert wird und weil sie nicht den neuen Rezepten verfällt. Die neuen Rezepte? Unterhaltung statt Information, spektakuläre Enthüllungen, keine langweiligen Analysen, es muss vielmehr knallen und blitzen. Marketing journalism heißt dies in angelsächsischer Formulierung.