Gruppe 47 nennt sich der Kreis, der sich in Maria Leptins Arbeitszimmer trifft. Die Namensähnlichkeit mit der Schriftstellergruppe ist zufällig. Aus Probe 47 haben die Kölner Genetikerin und ihre Mitarbeiter ein Gen isoliert und es "Dof" genannt. Es gehört zu jener Kaskade von Genen, die eine zentrale Rolle spielen, wenn sich ein befruchtetes Ei in das Haustier der Forscher verwandelt - in die drei Millimeter große Fruchtfliege Drosophila.

Maria Leptin ist vor 16 Jahren auf die Fliege gekommen. Das Rätsel, wie sich aus einem winzigen Ei nach und nach verschiedene Körperbereiche bilden, aus denen letztlich die Fliege hervorgeht, lässt sie seither nicht mehr los. Ganz spannend ist ihre Arbeit Anfang der neunziger Jahre geworden. Damals fanden Drosophila-Forscher heraus, dass die frühe Entwicklung von Auge oder Muskel von demselben Mechanismus kontrolliert wird - und zwar nicht nur bei der Fliege, sondern genauso bei Mensch und Maus. Zu einem bestimmten Zeitpunkt aktiviert ein Gen ein anderes, dieses wirkt auf ein drittes ein und so weiter. Störungen dieses kunstvollen Gefüges gebären hilflose Fliegen ohne Augen oder mit vier statt zwei Flügeln.

Dof, die Entdeckung der 47er, übernimmt dabei eine Schlüsselposition.

Zusammen mit den beiden Genen Heartless und Breathless startet Dof bei den Fliegen die Ausbildung des Herzens und der zum Atmen notwendigen Tracheen.

Auch beim Menschen gibt es möglicherweise ein Gen, das Dof ähnelt.

Als Startort für ihre Karriere sucht sich Maria Leptin Anfang der siebziger Jahre das Basel Institute for Immunology aus. Dort untersucht die Nachwuchswissenschaftlerin die Aktivierung von B-Lymphozyten, Antikörper bildenden Immunzellen. Als sie 1983 ihren Doktortitel in der Tasche hat, fragt sie sich, ob sie als Forscherin im internationalen Wettbewerb bestehen könne. Diese Angst vor dem Scheitern teilt sie mit anderen jungen Wissenschaftlerinnen. Viele von ihnen geben nach der Promotion auf. "Schuld daran sind weniger berufliche Hindernisse, die den Weg versperren", sagt die heute 45-jährige Leptin. "Vielmehr ist das Aussteigen aus der Forschung bei Frauen sozial eher akzeptiert als bei Männern, zumal, wenn ein Kind dazukommt."

Maria Leptin entschließt sich gegen den Rückzug ins Private. Es verschlägt sie nach Cambridge, Großbritannien, später ans Max-Planck-Institut für Entwicklungsbiologie in Tübingen. Christiane Nüsslein-Volhard, Drosophila-Forscherin und spätere Nobelpreisträgerin, hat sie als Gruppenleiterin in ihr Institut geholt.