Als die junge Frau mit dem Kurzhaarschnitt den Fahrstuhlknopf mit der Drei drückt, fragt eine Studentin interessiert: "Studierst du auch Mathematik?" Denn die dritte Etage des LE-Gebäudes auf dem Campus der Gerhard-Mercator-Universität in Duisburg beherbergt den mathematischen Fachbereich. Doch die Angesprochene studiert schon lange nicht mehr. Im Frühjahr 1998 kam Gerlind Plonka als Mathematikprofessorin aus Rostock ins Ruhrgebiet.

Ein wenig verlegen lächelt die 32-Jährige, als sie von der Begegnung im Aufzug erzählt. Gerlind Plonka sieht nicht nur jünger aus, sie war auch sehr fix: mit 26 promoviert, drei Jahre später habilitiert. Nicht länger scheu wirkt sie, wenn sie klarstellt: "Ich werde sehr ärgerlich, wenn jemand denkt, ich hätte die Stelle bekommen, nur weil ich eine Frau bin. Das ist leider die Rückseite der Frauenförderung."

Nicht das Geschlecht verschaffte Plonka den Ruf auf die C3-Stelle, das "Tüpfelchen auf dem i" war, so vermutet sie selbst, der Heinz-Maier-Leibnitz-Preis 1997, der sie als eine der besten Nachwuchswissenschaftlerinnen aus dem Konkurrentenheer herausgehoben hat. Sie erhielt den mit 30 000 Mark dotierten Preis für "mein bisheriges Gesamtwerk".

Und das kreist um ein Gebiet, das noch jünger ist als die Forscherin: die Wavelets. Das sind Funktionen, mit denen sich Mathematiker erst seit Mitte der achtziger Jahre intensiv beschäftigen. Mithilfe dieser "kleinen Wellen" lassen sich große Datenmengen schneller auswerten oder für Übertragungen verdichten: Computerbilder benötigen nur ein Fünfzigstel des üblichen Speicherplatzes.

Es herrschte Umbruch, als Gerlind Plonka ihr Examen machte. Sommer 1990: Sie erinnert sich, wie sie, noch als Studentin, zum ersten Mal D-Mark-Scheine in den Händen hielt und mit dem Begrüßungsgeld die lang ersehnten Druckbleistifte kaufen konnte. Genau erinnert sie sich aber auch an ihre damalige Zukunftsangst, denn im frisch vereinigten Deutschland war ein DDR-Forschungsstipendium, auf das sie gebaut hatte, plötzlich unsicher. Doch Plonka konnte an der Uni Rostock weiterforschen, abgesichert durch ein Promotionsstipendium. Im Jahr 1996 beendete sie "meine wichtigste Arbeit", ihre Habilitationsschrift über Verfeinerbare Funktionenvektoren und Multiwavelets.

Der heutige Star ist ein Kind der DDR-Begabtenförderung

Die Neu-Duisburgerin schnappt sich einen Bleistift. Sie zeichnet ein Quadrat auf ein Blatt, unterteilt eine Ecke in immer kleinere Kästchen, füllt sie mit grauen Pünktchen und erklärt, was die "vielen Wellchen", die Multiwavelets, leisten. Um zum Beispiel Bilder mathematisch darzustellen, sind nicht die Flächen interessant, sondern die Stellen, an denen ein Wechsel von Hell nach Dunkel stattfindet. Plonka tippt mit der Bleistiftspitze auf eine passende Trennlinie. Dadurch lasse sich schon sehr viel über ein Bild sagen. Gesucht sind also Formeln, die Zeit und Ort solcher plötzlicher Zustandsänderungen mit möglichst wenigen Daten exakt beschreiben.