Gabriele Schackert operiert im Organ, das den Menschen ausmacht. Sie ist fasziniert von den schönen Strukturen des Gehirns. "Sie sind so präzise wie die Mathematik oder eine lateinische Grammatik", sagt sie. Diese Klarheit liebt sie. Aber weder zum Betrachten ist da viel Zeit noch für langwierige Entscheidungen. Neurochirurgie ist auch Notfallfach. Schnell droht der Tod.

Und dass der Kranke am Leben bleibt, dafür setzt die Professorin an der Technischen Universität Dresden ihr ganzes Können ein.

Seit 1993 leitet Schackert eine neurochirurgische Klinik mit 29 Normal- und 11 Intensivbetten. Schwierige Tumoren, die besonders viel Geschick und Geduld verlangen, sind in Dresden Chefinnensache. Seit dreieinhalb Stunden operiert Schackert einen 14-jährigen Jungen. Extrem eng ist der Durchgang zwischen dem Sehnerv und der Schlagader, die auf dem Monitor pulsiert. Geduldig arbeitet sie sich vor bis zum Craniopharyngeom, einem seltenen, angeborenen Tumor.

Unter der Sella, dem knöchernen Teil der Schädelbasis, der die Hormone produzierende Hirnanhangdrüse umschließt, war die Geschwulst unbemerkt gewuchert - bis das Kind über Sehprobleme klagte und sich Entwicklungsstörungen in der Pubertät zeigten. Der Tumor ist bereits so stark mit dem Gehirn verwachsen, dass er sich nicht auf einmal herausschälen lässt.

Schackert schaut angespannt durch das Mikroskop, kein Blutgefäß darf sie verletzen. Doch die Operation gelingt. Vorsichtig zieht die Neurochirurgin noch einen Geschwulstschnipsel heraus. Dann übergibt sie an einen ihrer Ärzte, der sich daranmacht, die Schädelöffnung zu schließen. Im Umkleideraum legt die Professorin die grüne Operationskleidung ab. Schnell die gesträhnten blonden Haare zurechtzupfen, Lippen nachziehen und blauen Lidschatten auftragen - zufrieden über die erfolgreiche Operation und erschöpft lächelt sie ihrem Spiegelbild zu.

An der Elbe stieß die Mischung "Frau und Wessi" auf Misstrauen

Gabriele Schackert, Ordinaria für Neurochirurgie, ist eine Ausnahme. Fünf Prozent der leitenden Positionen in der Medizin sind mit Frauen besetzt, in den chirurgischen Fächern gerade mal zwei Prozent. An der Elbe stieß die Mischung "Frau und Wessi" auf Misstrauen: Kam hier eine, die es drüben vielleicht nie geschafft hätte? Die Aufbruchstimmung im Osten, sagt sie, habe es ihr vielleicht leichter gemacht, etwas zu bewegen.