Islamabad

Hunderte Studenten, die weinen. Ergriffen lauschen sie den Worten ihres Lehrmeisters Sami ul-Haq, der in seiner Abschlussrede den Bogen schlägt vom Propheten Mohammed zu den Taliban in Afghanistan. "Der Augenblick der Trennung ist gekommen. Es ist ein trauriger Moment, weil wir nicht wissen, wann und ob wir uns wiedersehen. Seid bereit für die Zukunft. Seid gerüstet für die Schlachtfelder, Soldaten des Islam. Die ganze Welt hat sich verschworen gegen die Taliban. Amerika verlangt die Auslieferung Osama bin Ladens. Das wird niemals geschehen, denn anschließend würde Amerika neue Forderungen stellen, die alle dasselbe Ziel verfolgen: die Muslime zu unterjochen und zu versklaven. An allen Fronten werden die Heuchler und Ungläubigen gegen euch kämpfen. Vergesst niemals die Märtyrer, die gefallenen Taliban, eure Brüder, die Afghanistan die Freiheit brachten und das Licht."

Die Menge hält inne im stillen Gebet, nur Schluchzen und Weinen ist zu hören, Trauer über die Märtyrer. An die 10 000 Männer, ausschließlich Männer, drängen sich im Innenhof dieser religiösen Hochschule oder auf den Dächern der angrenzenden Gebäude, in ihrer Mitte eine Gruppe festlich gekleideter Studenten, die auf die Segnung ihres Turbans warten.

Die Haqqania, wo die Veranstaltung stattfindet, ist nicht irgendeine religiöse Hochschule, arabisch Madrasa. Sie ist die älteste, größte und einflussreichste Madrasa in Pakistan. Hier, in der gesichtslosen Kleinstadt Akora Khattak, wird seit einigen Jahren erfolgreich Politik gemacht, Weltpolitik sogar. Denn die extrem fundamentalistische Bewegung der Taliban, die 1994 von Mullah Omar im afghanischen Kandahar gegründet wurde, zwei Jahre später die Hauptstadt Kabul eroberte und heute 90 Prozent Afghanistans kontrolliert, ist mit der Haqqania untrennbar verwoben. Die meisten Minister und Führer der Taliban haben dort studiert, in den Semesterferien kämpfen viele Haqqania-Studenten, die zu gut zwei Dritteln aus afghanischen Flüchtlingsfamilien in Pakistan stammen, Seite an Seite mit den Taliban. Aus naheliegenden Gründen: "Taliban" bedeutet, auf Paschtu, "Religionsstudenten".

Heute ist Festtag, Dastarbandi, der Tag des Turban-Bindens. Etwa 600 Studenten erhalten in einer feierlichen Zeremonie ihr Diplom, nach acht Jahren Studium von Koran und Sunna - das ist die Lebenspraxis des Propheten -, der islamischen Rechtsschulen und der überlieferten Aussagen Mohammeds.

Der Unterricht besteht vor allem im Auswendig-Lernen, studieren darf jeder, der seinen Namen lesen und schreiben kann. Die meisten Absolventen sind zwischen Mitte 20 und Mitte 30, alle tragen Vollbart und weiße Gewänder, die Farbe der Reinheit.

Nach Ende der Ansprachen, unter anderem von Muslim Haqqani, dem Taliban-Minister für religiöse Fragen ("Niemals, niemals werden wir Osama an die Ungläubigen ausliefern. Sollen sie uns doch Salman Rushdie geben"), erheben sich die Absolventen aus ihrem Schneidersitz, umjubelt von der übrigen Menge, von Verwandten und Zaungästen. Anschließend segnen Sami ul-Haq, der Leiter der Haqqania, und Muslim Haqqani durchs Handauflegen die 600 Turbane der Absolventen, die sie von nun an als Symbol religiöser Würde tragen werden. "Haq", man ahnt es, ist nicht irgendein Wort. "Haq" bedeutet "Wahrheit", die Haqqania ist der Ort der Wahrheit, Haqqani darf sich nennen, wer zur Bruderschaft der Absolventen gehört.