Kurioserweise brachte derselbe Sonntag, an dem Helmut Kohls Ära endete, der Oper eine neue Perspektive. Peter Konwitschny inszenierte in Hamburg den Wozzeck von Alban Berg und Georg Büchner, Ingo Metzmacher dirigierte. Auf der Bühne regnete es Geldscheine wie Herbstlaub ("Selbst das Geld geht in Verwesung über ..."), und die Darsteller realisierten in Konzertkleidung einen Grad der Entfremdung, in dem sich dieses Werk als erschreckend gegenwärtig erwies. Das Orchester erkundete die Partitur wie mit dem Rasterelektronenmikroskop.

Nun liegt der Mitschnitt der von den Kritikern zur Aufführung des Jahres gekürten Produktion vor, zusammengefügt aus der Premiere und weiteren Vorstellungen (EMI Classics 5568652). Man hört das Geld rascheln, mit dem sich Wozzeck das Blut abwischt und in dem er ertrinkt. Doch wer nichts sieht, hört anders. Der besondere Farbensinn Ingo Metzmachers tritt jetzt hinter die Strukturen zurück. Das Orchester klingt indirekt, eher grafisch als blühend.

Aber abgesehen davon, hat Metzmachers Genauigkeit eben auch mit Distanz zu tun. In der Kälte der Regie erlebte man manchen Klang vielleicht wärmer, als er gespielt wurde. Trotzdem lauscht man diesen 96 Minuten wie gefesselt. Denn die Details werden nicht nur präzise dargestellt, sondern auch so bewusst, in solcher Konzentration miteinander verbunden, dass ein enormer Sog entsteht.

Das mechanische Lachen des Hauptmanns ist nie beißender vom Orchester gespiegelt worden als hier, und auf das Ende der Wirtshausszene scheint ein ernüchterter Gustav Mahler zu blicken. Zudem hört man den Solisten an, in welcher Atmosphäre sie sich bewegen. Sie singen an gegen die Entwirklichung und stellen sie zugleich dar. Ihre überschnappenden, ihre starren und flehenden Töne sind die von Gespaltenen.

Wenn Angela Denoke, von Resten spätromantischer Harmonik umweht, ihr tränenloses "War alles tot und war niemand auf der Welt" spricht, dann spürt man auch im bequemen Hörsessel das Vakuum. Bo Skovhus als Wozzeck zeigt intensiv den Mann, der sich nur noch als Hülle erlebt, aber sich wenigstens erlebt und so zur einzigen Gestalt wird, die noch Hoffnung verbreitet. Bis auf den Tambourmajor artikulieren alle so klar, dass man das Booklet weniger zum Mitlesen als zum Festhalten braucht.

Nur ein Schreck hat nichts mit der Stringenz dieser Produktion zu tun: ein derber Fertigungsfehler am Ende der ersten CD, der mehrere Takte ruiniert und schlichtere Geräte sogar in eine Endlosschleife schicken kann.