Houston/Washington

Die Glocken des Harkness Tower schlagen acht Uhr, als eine dunkle Gestalt an die Tür des Davenport-Wohnhauses der Yale-Universität klopft. George W.

öffnet, und in diesem Augenblick weiß er: Jetzt gibt es nur noch eine Antwort - ja, ich will. Auf dem Campus verbreitet sich die Nachricht schnell: George W. hat sich für "Skull and Bones", den mächtigsten Geheimbund der Universität, entschieden. Im April 1967, als die ersten Studenten gegen den Einsatz amerikanischer Truppen in Vietnam protestieren und in San Francisco die Hippiekultur aufblüht, schwört George W. in einer mittelalterlich anmutenden Zeremonie den Kameraden die Treue. Auf ewig ist der Student nun ein good man - Jahre später noch wird er vertrauenswürdige Kameraden und Mitarbeiter so nennen. George W. Bush ist nun mit Söhnen und Vätern der besten Familien des Landes verbunden - wie schon sein Vater, sein Großvater, sein Onkel und sein Cousin.

Tradition, Symbolik, Familienehre - in diesem Wahlkampf um die Präsidentschaft der Vereinigten Staaten verkörpert niemand mehr den Prototyp des amerikanischen Kronprinzen als George W. Bush

kurz George "dabbelju" genannt. Der Gouverneur von Texas und Starkandidat der Republikaner kann nicht nur auf ein dichtes Netzwerk an privaten, politischen und geschäftlichen Kontakten zurückgreifen. Als Spross eines mächtigen Familienclans steht er auch für das gute, alte Amerika, für die Kontinuität von Familientraditionen und für den Glauben, mit Gottes Hilfe und guter Moral würden sich die Probleme des Landes schon bewältigen lassen. Zu den Vorteilen des bekannten Namens fügt sich effektvoll das Image des jungen Selfmademan aus der Provinz.

Da ist es, dieses strahlende Schwiegersohn-Lächeln. Ein tiefer Blick in die Augen der kleinen weißhaarigen Dame, in seiner Rechten verliert sich ihre schmale Hand. Die Linke möchte ihr an die Schulter greifen, hält kurz davor und bietet Schutz gegen die wogende Menge. Eine Sekunde nur, doch das reicht.

"Er ist so nett", sagt Elma Larson später, als die Menge den Kandidaten weitergetragen hat. Warum sie ihn wählen will? "Ich weiß auch nicht. Ich finde ihn einfach sehr sympathisch." Viele Amerikaner sagen das. Ein Wochenende mit dem Konkurrenten Al Gore - wie langweilig. Ein Wochenende mit Bush - das wäre spaßig. Das klingt nach Freizeit, golfen, grillen. Nach einem netten Abend am Familientisch und nach Anekdoten. "Er ist ein Meister in der ältesten politischen Kunst: Er schafft es, dass ihn die meisten Leute mögen", schreibt E. J. Dionne, Kolumnist der Washington Post. In allen politischen Lagern hat der schlagfertige und meist gut gelaunte Mann inzwischen Sympathisanten - selbst härteste Widersacher kommen nicht umhin, ihm den "Clinton-Faktor" zu attestieren: Ähnlich wie Babys bei Erwachsenen ein Lächeln auslösen, wecken Politiker mit einer Clinton-Bush-Persönlichkeit spontan Sympathie bei den Menschen, die ihnen begegnen.