Am Geländer der Gaisburger Brücke, wo es geschehen ist, hat Frieder Schlaich ein Plakat aufgehängt, um für seinen Film zu werben, doch an die Tat erinnert bereits eine Kupfertafel. Zum Gedenken an die Polizeiobermeister Peter Quast und Harald Poppe steht darauf. An einem Augustmorgen vor zehn Jahren lagen hier fünf Menschen in ihrem Blut, drei starben kurz darauf. Die Stadt weinte um die beiden Polizisten, aber es hat niemanden wirklich interessiert, wer dieser Schwarze gewesen ist. Außer Frieder Schlaich.

Damals studierte er noch an der Hamburger Filmhochschule, aber wahrscheinlich hätte es auch nichts geändert, wenn er schon ein anerkannter Regisseur gewesen wäre - niemand in Stuttgart wollte ihm Auskunft geben über den Asylbewerber Frederic Otomo aus Kamerun, schon gar nicht die Sozialarbeiter der Caritas, denen viele Bürger Mitschuld daran gaben, dass ihr Schützling zwei Menschen abgeschlachtet hatte mit einem 30 Zentimeter langen Messer, scheinbar ohne Grund.

Es dauerte lange, bis Schlaich sich ein Bild machen konnte von dem Mann, der von der Polizei gesucht worden war, weil er einen Fahrkartenkontrolleur geschlagen hatte. Die meisten Leute konnten in ihm nur das Böse sehen, aber Schlaich empfand große Sympathie für ihn, denn er glaubte, dass die Tat begründet war in einem außergewöhnlich harten Lebensweg. Er verschaffte sich Protokolle und Akten, sprach mit Beteiligten, und weil er einen Film drehen wollte über diesen Afrikaner und das Fremdsein in seiner eigenen Heimatstadt, mietete er ein Büro im heruntergekommenen Stuttgarter Osten, wo Frederic Otomo die letzten Stunden seines Lebens verbracht hatte, auf der Flucht vor der Polizei.

Als wollte er sich selbst einrichten im ärmlichen Leben eines Asylbewerbers, bezog er Quartier in zwei Zimmern eines Abrisshauses. Dort stehen auch heute, da der Film in Baden-Württemberg in ausgewählten Kinos läuft, nur ein paar alte Schreibtische. Nicht einmal eine Heizung gibt es, und vorm Fenster dröhnen Autos auf vier Fahrspuren. Zwei Jahre lang hat Schlaich hier gesessen, ein dünner, kleiner Mann von 38 Jahren, und hat versucht, die richtigen Schauspieler zu finden und Geld aufzutreiben für die Eigenproduktion - ein Einzelkämpfer der Erinnerung. Und obwohl er wusste, dass so eine Geschichte eigentlich niemand sehen will, sammelte er bei Fernsehen und Fördergremien mehr als eine Million Mark.

Otomo war ein Kerl mit Muskeln, gut gebaut

Die Arbeit an dem Film wurde für den Sohn eines Architekten zur Gelegenheit, einzudringen in eine sonst verborgene Welt: Er besuchte Asylbewerberheime und Auffanglager und begleitete Schwarzafriker durch die Stadt, um herauszufinden, wie es ist, wenn man von allen angeglotzt wird. Er fuhr Streife mit Polizisten und versetzte sich so sehr in seine Hauptfigur, dass er über die versuchte Verhaftung durch fünf Beamte auf der Gaisburger Brücke sagt: Wenn so viele Uniformierte um dich herumstehen, das ist schon ein merkwürdiges Gefühl.

Den Blickwinkel des Täters, der für Schlaich auch ein Opfer gewesen ist, haben in Stuttgart nur wenige Leute einzunehmen gewagt, zu groß waren kollektive Trauer und Wut. Da war der Oberbürgermeister Manfred Rommel, über dem der Volkszorn hereinschlug, weil er sagte: Der Mann hätte auch ein Schwabe sein können. Und da war eine junge Frau, die gar nicht anders konnte, als alles durch die Augen Frederic Otomos zu sehen - sie war seine Betreuerin bei der Caritas. Ihr Name wurde geheim gehalten, um sie vor dem Mob zu schützen. Fast zehn Jahre hat sie geschwiegen. Über Otomo zu reden fällt ihr noch heute schwer.