Der Mensch ist ein Sammler. Er hortet Geld, Erinnerungen, Müll und Stoffhunde. Er spießt tote Käfer auf Nadeln und gibt für unbrauchbare Briefmarken ein Vermögen aus. Per Glasfaserkabel jagt er gigantische Wissensströme um die Erde und speichert immer größere Informationsmengen auf immer kleinere Datenträger. In Museen und Archiven lagert er Kunstwerke und Bücher, in Warenhäusern und Banken deponiert er Lebensmittel und Kapital. Das Sammeln ist für ihn nicht nur eine ästhetische Leidenschaft, mit der er das Schöne und Rare verfolgt, sondern auch eine ökonomische Notwendigkeit, die der Sicherung der eigenen Existenz dient.

Es sind diese beiden Seiten des Sammelns, über die der Kieler Philosoph Manfred Sommer ein höchst eigenwilliges Buch geschrieben hat. Eigenwillig deshalb, weil der Autor sämtliche Literatur zum Thema ignoriert und statt der üblichen psychologischen oder kulturhistorischen Herleitungen eine reine Phänomenologie von "Sammelbewegungen" liefert. Nicht warum wir sammeln, sondern wie wir es tun, ist die Frage des Buches. Die Antwort lautet: Sammeln ist ein "Zusammentragen des Zerstreuten", das entweder nutzbringend aufgebraucht oder anschaulich aufbewahrt wird. Wo wir Nahrung, Kleidung oder Zinsen lediglich anhäufen, um sie später zu verwerten, dominiert die "Ökonomie der Vernichtung", die alles Bestehende und Ständige in ihren gefräßigen Schlund hineinreißt. Tragen wir dagegen Schmuckstücke, Gemälde oder alte Autos zu einer bleibenden Kollektion zusammen, triumphiert die "Ästhetik des Bewahrens", die das Vergängliche und Getrennte vor der Verstreuung errettet.

Man erkennt sogleich, worum es in diesem Buch auch geht: um die Kräfte der Finsternis und des Lichtes, die der gleichen Quelle der Heillosigkeit und Mangelhaftigkeit entstammen. Im Sammeln fügt der Mensch die Bruchstücke der Welt zu einer Einheit, die niemals ganz wird. Es bleibt immer ein Rest übrig, seien es die Knochen nach dem Verzehr der Lammkeule oder der letzte fehlende Taler in der Münzsammlung. Jedes Sammeln, ob ökonomisch oder ästhetisch, ist Ausdruck des Unvollendeten, das überwunden werden soll. Und es ist Aufbruch in eine Fremde, aus der man in die Heimat zurückkehrt, nachdem die Taschen mit Früchten gefüllt oder der ersehnte Kupferstich gefunden wurde.

Diese Rückkehr ist Bereicherung und Verwandlung zugleich, indem von außen etwas Neues in das Alte einbricht: Der erfolgreiche Aktiendeal löst genauso wie die ersteigerte Porzellanpuppe die Erkenntnis aus, der säkularen Entfremdung ein Stück weit entronnen zu sein und das Zerstreute in den Griff zu bekommen. Sammeln ist, dies lässt das Buch an mehreren Stellen durchblicken, eine praktizierte Form der Gnosis, in der sich die Befreiung vom demiurgischen Chaos nicht der nüchternen Vernunft, sondern der erlösenden Bekehrung verdankt, die eine plötzliche Wende zum Besseren herbeiführt. Dies soll nicht bedeuten, dass alles Sammeln irrational ist. Es handelt sich vielmehr um eine andere Weise der Rationalität, bei der die Identifikation mit der ursprünglichen Unordnung der Sachen erforderlich ist. Der Sammler muss in der Lage sein, sich in die Logik der Auflösung einzufühlen, die das geheime Wesen des Kosmos ausmacht.

Bei Walter Benjamin, den Sommer leider nicht erwähnt, heißt es an einer Stelle: "Vielleicht läßt sich das verborgenste Motiv des Sammelnden so umschreiben: er nimmt den Kampf gegen die Zerstreuung auf. Der große Sammler wird ganz ursprünglich von der Verworrenheit, von der Zerstreutheit angerührt, in dem (sic) die Dinge sich in der Welt vorfinden." Sein Vermögen bestehe darin, so Benjamin weiter, das "Zueinandergehörige" zu vereinen: "...

es kann ihm derart gelingen, über die Dinge durch ihre Verwandtschaften oder durch ihre Abfolge in der Zeit zu belehren."

Im Unterschied zur zufälligen Anhäufung von Wasser in Pfützen oder Laub unter Bäumen verfügt der Sammler über einen Begriff von dem, was sich ähnelt, ohne gleich zu sein: Mit jeder Taschenuhr, die ich mir zulege, wird das Bekannte bestätigt und überschritten. Dieser Differenz entspringt der ästhetische Grundzug des Sammelns, auch wenn das wirtschaftliche Haushalten mit knappen Gütern geschichtlich älter ist. Erst im Übergang zur neolithischen Agrarkultur gewinnt auch das ökonomische Sammeln einen bewahrenden Zug: Mit dem Anbau von Getreide und der Lagerung der Ernte verzögert sich der direkte Verzehr, freilich nur um des besseren Verbrauches willen. Jeder Sammelvorgang besitzt, wenn man so will, eine katechontische, aufhaltende Seite und ein eschatologisches Ziel. Wir halten den Zerfall und das Verzehren der Dinge auf, um sie später endgültig zu vernichten oder auf ewig zu verwahren.

Der Homo collector ist ein gleichermaßen destruktives wie konservatives Wesen. Er zerstört die Ordnung der Welt, um eine neue herzustellen. Dazu benötigt er eine Reihe von Mitteln und Fähigkeiten. Hierzu gehören Gefäße und Behältnisse, in die er mit Hilfe seiner Greiforgane Pilze, Perlen oder Papyrusrollen packt. In neuerer Zeit übernehmen Fotos, Filme und CD-ROMs die Rolle der Aufbewahrung. Maschinen und technische Medien ersetzen die manuelle Arbeit. Gegen die Gefahren des Verlustes werden Lagepläne, Karten und Kataloge eingesetzt, gegen die Risiken des Verfalls Firnis, Rostschutz oder Sicherungskopien.

Die besonderen Leistungen des Sammlers liegen darin, sich praktisch und imaginativ an andere Orte zu versetzen, Kenner der Materie zu sein und mit eisernem Willen seine Wege zu verfolgen. Die Grundfigur des Sammelns ist die "Herhol-Schleife", auf deren Bahn das Gesuchte erreicht, genommen und zurückgebracht wird, der Idealtypus die Krake, die alles greifen, der Vogel, der alles sehen kann. Durch diese Wege ergeben sich räumliche Muster, entstehen Kolonnen, Staus und Stapelungen. Es tritt das Recht in Kraft, das die Eigentumsverhältnisse regelt

die Schrift, die das Abwesende verknüpft

die Forschung, die das Wissenswerte akkumuliert.

Beim Zählen und Rechnen, in Statistiken und Enzyklopädien, beim Beerenpflücken und auf Auktionen offenbart sich, was das Sammeln eigentlich ist: ein Sinnbild des Lebens, das zerfließt und im Fluss festgehalten wird.

Sommer hat, möglicherweise gegen seine Absicht, eine Ontologie der Existenz verfasst, die manichäisch eingefärbt ist. Im Sammeln werden die Widersprüche zwischen dem Vielen und dem Einen, Erhaltung und Vernichtung, Nähe und Ferne, Freiheit und Zwang nicht aufgelöst, sondern ausgehalten. Der hortende Mensch ist kein Hermeneutiker, der die Dinge ergreift, um sie zu vereinnahmen. Er ist ein Exzentriker, der sich der Auflösung unterwirft, um sie zu ertragen.

"Sammeln bedeutet", so lautet der letzte Satz dieses hintergründigen Buches, "daß wir viele Dinge, die wir im Raum zerstreut vorfinden, so bewegen, daß sie nachher beieinander sind. Und wenn es uns Freude bereitet, sie zu betrachten, suchen wir zudem sie für immer beisammenzuhalten."

Manfred Sommer: Sammeln

Ein philosophischer Versuch

Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 1999

453 S., 64,- DM