Was für ein Talent! Als die Mauer fiel, zählte Ibrahim Böhme plötzlich zu den Großen. François Mitterrand und Eduard Schewardnadse luden ihn zu Gesprächen ein, die Westmedien entdeckten sein "Kommunikationsgenie". In knapp sechs Monaten wurde mit Böhme ein Staatsmann geboren. Der erste Vorsitzende der ostdeutschen Sozialdemokraten galt als selbstbewusst und geistreich. Viele sahen in ihm schon den idealen Ministerpräsidenten einer demokratischen DDR.

Aber wie so oft folgte auf den Höhenflug ein tragischer Fall: Bei der Volkskammerwahl am 18. März 1990 wurden die Sozialdemokraten zur 20-Prozent-Partei. Das allein hätte noch nicht das Ende einer politischen Karriere bedeuten müssen. Doch wenige Tage später erhärtete der Spiegel den Verdacht, dass Manfred Otto Böhme - den Vornamen Ibrahim hatte er sich selbst gegeben - in der Vergangenheit mindestens zwei Leben geführt hatte. Der mehrmals verhaftete Bürgerrechtler war auch ein wichtiger Spitzel des Ministeriums für Staatssicherheit. Den Enthüllungen folgten Jahre der Zurückgezogenheit und schweren Krankheit. In der Nacht zum Montag ist Ibrahim Böhme im Alter von 55 Jahren in Neustrelitz gestorben. Bis an sein Lebensende hatte er beteuert, niemals jemanden wissentlich verraten zu haben.