Strahlende Gesichter. Im Blitzlichtgewitter stießen die Verhandlungsführer Charlene Barshefsky und Shi Guangsheng vergangene Woche auf das amerikanisch-chinesische Handelsabkommen an: Der Weg Chinas in die Welthandelsorganisation (WTO) schien geebnet. Die Großmacht China bekannte sich zum offeneren Handel und damit zu einem kapitalistischen Entwicklungsmodell. Doch in den USA herrscht schon wieder Katerstimmung. "Ein Schlag ins Gesicht", poltern die einflussreichen Gewerkschaftsverbände und sprechen von einem "Fußfall" ihres Präsidenten - was im Vorfeld des Präsidialwahlkampfes schon Alarmstimmung bei Al Gore ausgelöst hat. Ob der Kongress das Handelsabkommen ratifiziert, steht noch dahin.

Willkommen im Zeitalter der Globalisierungsrückschläge. Am Dienstag beginnt im amerikanischen Seattle die nächste Ministerkonferenz der WTO. Eigentlich war sie als Festival für den Freihandel geplant - eine neue Verhandlungsrunde für den Abbau von Handelsschranken weltweit, ähnlich der Uruguay-Runde von 1986 bis 1994, die in nie gekanntem Maße Zölle und trickreiche "nichttarifäre Handelshemmnisse" beseitigte. Jetzt wäre man schon zufrieden, nicht hinter den bisherigen Verhandlungsstand zurückzufallen.

Es gab Zeiten, in denen die verschwiegene Handelsdiplomatie und die Stapel unlesbarer Fachdokumente niemanden recht interessiert haben - doch seit ein paar Jahren ist das völlig anders geworden. Schon zum Wochenende reisen Tausende Umweltschützer, Gewerkschafter und Dritte-Welt-Gruppen nach Seattle.

Mit einem Gegenkongress, Demonstrationen bis hin zum gewaltsamem Widerstand wollen sie gegen den Welthandel protestieren, wie er sich aus ihrer Sicht darstellt: Ausbeutung und Kinderarbeit in der Dritten Welt, Umweltverpestung, Unsicherheit der eigenen Arbeitsplätze, Aushöhlung der Sozialstaaten und der Demokratie, Konsumterror und Macht der Konzerne.

Es mag nur ein kleiner Teil dieser Argumente der genauen Überprüfung standhalten (ZEIT Nr. 47/99) - doch die Offiziellen der WTO und der Handelsdelegationen sind auf der Hut. Ihnen ist noch gut in Erinnerung, wie internationale Aktivistenverbände schon 1998 das Investitionsschutzabkommen (MAI) der OECD zu Fall brachten - und dass es bei diesem Sieg der "Bürgergesellschaft" nicht immer darauf ankam, wer die besseren Argumente hatte. Der neue WTO-Chef Mike Moore tritt am Wochenende nun selber bei einer Demonstration auf und hat eine "Entwicklungsrunde" versprochen. In den Verhandlungspapieren der EU ist fortwährend von "nachhaltiger Entwicklung" zu lesen, dem Lieblingsslogan der Umweltschützer. EU und USA wollen, dass "Arbeitsgruppen" zum Thema Sozialstandards eine nächste Verhandlungsrunde begleiten.

Der Pessimismus greift um sich. In akademischen Kreisen am Rand der WTO sind Untersuchungen in Mode, wie sie die Historiker Kevin O'Rourke und Jeffrey Williamson kürzlich vorgelegt haben. Die Weltwirtschaft sei vor 100 Jahren in vielerlei Hinsicht ähnlich eng integriert gewesen wie heute, aber 30 Jahre später war damit bekanntlich Schluss. Das habe nicht so sehr am Ersten Weltkrieg gelegen, argumentieren die Professoren, sondern vor allem an einer Fülle populistischer Forderungen nach dem Schutz für Landwirte, Arbeiter und benachteiligte Unternehmen. "Die Globalisierung hat sich damals selbst zerstört", lautet ihr Fazit.

Der neueste Anlauf zur Globalisierung ist denn auch keineswegs als reine Naturgewalt über die Welt hereingebrochen. Zwar sanken die Transportkosten, und die Konzerne drängte es nach Übersee. Entscheidend aber war der Abbau der Zölle und anderer Handelshemmnisse. Dafür hat nach dem Zweiten Weltkrieg nicht zuletzt die WTO sowie ihre Vorgängerin Gatt gesorgt.