Sanfte Hügelrücken, Seen, mal schwarztief, mal türkis, bleichgesichtige Felsen und der glitzernde Zuckerguss des Dachsteins - das ist das Salzkammergut. Und das ist auch Steinbach am Attersee, das kleine Sommerfrischedörfchen, in dem Gustav Mahler von 1893 bis 1896 als Ferienkomponist Hof hielt. Hier, in seinem "Arbeits-Sanktuarium" und legendären "Komponierhäusl", durfte den geplagten Hamburger Kapellmeister nicht einmal Justine, die brave Schwester, stören. Ein Klavier, Bücher, ein Tisch, ein Sessel - fertig war die ganze Seligkeit. Natalie Bauer-Lechner, die Freundin aus Wien, leistete ihm gern Gesellschaft, und auch Bruno Walter, der Dirigent, kam und staunte. "Sie brauchen gar nicht mehr hinzusehen", wies Mahler den Entzückten zurecht, "das habe ich alles schon wegkomponiert." Da saß er gerade an seiner dritten Sinfonie. "Die Menschen werden an den Nüssen zu knacken haben, die ich ihnen vom Baum schüttle", notiert er wenig später wohlgemut.

Eine Musik mit sprichwörtlich harter Schale und weichem Kern? Der Gipfelsturm im Walzerschritt? "Auf einmal, abends, wenn es dunkelt und zwischen die düsternen Bäume und über die Wege aus vielen kleinen Fenstern Lichtstreifen fallen, fangen sie zu singen an, hier eine, dort eine", berichtet Hugo von Hofmannsthal 1896, im Vollendungsjahr von Mahlers Dritter, über die Sommerfrischlerin als solche. "Ihre Lieder scheinen aus vielerlei Tönen zusammengemischt, manchmal sind sie einem Tanzlied ganz nahe, manchmal einem Kirchenlied: es liegt Leichtigkeit darin und Herrschaft über das Leben."

Knapp 17 Jahre später - Mahler ist bereits tot - gibt ein junger britischer Cellist sein Debüt bei den Londoner Proms, der jene typisch Mahlersche, typisch alpenländische Melange aus nicht mehr und noch nicht, aus Großstadtgeplärr und "dionysischem" Naturlaut, derart mit Sinn und Sinnen zu greifen versteht wie kaum einer vor oder nach ihm. Sir John (eigentlich: Giovanni Battista) Barbirolli heißt der Wunderling, und ob er das Salzkammergut je mit eigenen Augen gesehen hat, wissen wir nicht. Wer Mahler gut dirigieren wolle, hat Barbirolli einst gesagt, dem müssen seine Notentexe nicht nur unter die Haut, sondern buchstäblich in alle Knochen gefahren sein.

Und Barbirollis Aufnahme der dritten Sinfonie mit dem Manchester Hallé Orchestra vom 23. Mai 1969 - nebst der vierten jüngst aus den Archiven der BBC geborgen und im Rahmen der BBC-Legends-Reihe sorgfältig neu herausgegeben - dokumentiert denn auch nichts anderes als ein gewaltiges Ethos: "You must be ready to sacrifice all of you to this profession", gesteht Sir John in jenem späten, hoch auratischen Radiointerview, welches die BBC der Sinfonie dankenswerterweise beigefügt hat. Jenseits aller Worte versichert hier seine Stimme, von Nikotin und Alkohol geschwängert, dass er zu diesem Opfer jederzeit bereit gewesen ist. Ein Anarchist? Ein Existenzialist?

Nun ist jede Musik immer auch Musik ihrer Zeit. Was also außer einem gewissen Maß an Sentimentalität und spontaner Verliebtheit verführt den heutigen, virtuell "aufgeklärten" Hörer dazu, unmittelbar nach den allerersten achtfachen Hörnersforzati des Beginns dem Stück derart haltlos zu verfallen?

Was macht einen auf Anhieb glauben, in diesem monströsen, größenwahnsinnigsten aller ersten Sätze ("Pan erwacht") spiegle sich nichts anderes als die gegenwärtige Apokalypse, die Fratze der eigenen leidigen Spätzeit - überdies noch in einem 30 Jahre alten, ästhetisch wie technisch mutmaßlich überholten Mitschnitt!? Was ist es, das die Jahre 1896, 1902 (Uraufführung in Krefeld), 1969 und 1999 hier wie in einem Zeitmixer beständig aufeinander zurasen lässt? Zunächst machen ganz sicher die Musiker die Musik. Das Hallé Orchestra - 1943, mitten im Krieg, von Barbirolli übernommen - mag nie ein echtes Spitzenensemble gewesen sein. Die direkte Konkurrenz zu den Berliner Philharmonikern etwa, mit denen Sir John bereits im März 1969, also zwei Monate vor Manchester, für EMI Mahlers Dritte einspielte, dürften die Engländer nicht nur handwerklich gefürchtet haben.

Allein, die Aufnahme blieb bis heute unveröffentlicht (aus welchen Gründen auch immer), und überhaupt scheinen die meisten fremden Klangkörper nur Barbirollis Sehnsucht nach seinem Hallé-Orchester geschürt zu haben: Seien es nun die sehr versierten, aber reichlich glatten Berliner mit der Neunten, sei es die erwähnte Vierte, eine absolute Rarität, aufgezeichnet anlässlich eines Gastspiels des BBC Symphony Orchestra 1967 in Prag,oder die Fünfte und Sechste mit dem Philharmonia Orchestra London. Das Hallé war und blieb Sir Johns Instrument, sein "Riesenwesen", sein heimischer Resonanzboden, sein mittelenglisches "Salzkammergut". Außerdem verfügte es spätestens seit 1954 dank Barbirolli über eine gewachsene Mahler-Tradition - was schon in seiner Aufnahme der Ersten von 1957 kaum zu überhören ist.