Zwischendurch, so hat man den Eindruck, grüßt er winkend sein Publikum, das ihm immer Verbündeter war, das er nicht selten zum Mitmachen aufgefordert hat: Nam June Paik, "Vater der Videokunst", ist der Protagonist in dem Film, den seine Lebensgefährtin Shigeko Kubota gedreht hat und der nun im Rahmen seiner Bremer Retrospektive gezeigt wird.

Hier erlebt man den 1932 in Seoul geborenen und heute in New York lebenden Künstler, wie er - nach einem Schlaganfall gestützt von zig Reha-Therapeutinnen - erste Steh- und Gehversuche macht. Er, der die elektronischen Bilder das Laufen lehrte und dem menschlichen Körper bisweilen mit allerlei technischem Equipment zu Leibe rückte, ist nun zurückgeworfen auf einen Körper, der ohne andere Körper nicht mehr funktioniert. "Wenn zu perfekt, liebe Gott böse" - das hatte Paik einige Jahre vorher, allerdings noch über seine Kunst, gesagt.

Als ausgebildeter Komponist initiierte Paik experimentelle Musik-Performances und sprengte den klassischen Konzertbetrieb durch erotische Einlagen mit der Cellistin Charlotte Moorman. Als Fluxus-Künstler entwickelte er frühe Formen der interaktiven Kunst, indem er Fernsehbilder zur magnetischen Manipulation durch den Betrachter freigab. Als Videokünstler entdeckte er den rhythmischen Rausch der schnellen Bilder, die Möglichkeiten der elektronischen Malerei, lange bevor der Videoclip geboren und der Pixel zur Konkurrenz für den Pinsel wurde. Als Videoskulpteur eroberte er dem schnellen, flüchtigen Bild einen materiellen Ort zurück und begründete so eine neue Kunstdisziplin. Und als ein mit östlichen wie westlichen Lehren gleichermaßen vertrauter Denker stellte er in seinen kontemplativen Closed Circuit Installationen, in seinen visuellen Tautologien immer auch wieder die Stille und die Leere dem Horror Vacui der schnellen und lauten Bilder gegenüber. Ein Werk also auch im Zeichen von Yin und Yang, von Bilderflut und Zen-Buddhismus.

Videokunst zwischen TV-Terror und Medienmagie

Genau das arbeitet die von Wulf Herzogenrath, dem Paik-Spezialisten der ersten Stunde, erarbeitete Ausstellung heraus - immer mit dem Fokus auf Paiks Schaffen in Deutschland. Von der Monumental-Installation bis zur filigranen Zeichnung, von der Verherrlichung bis zur Verweigerung: immer bleibt der Fernsehmonitor, die Mattscheibe, als Bildeinheit die feste Bezugsgröße in Paiks Werk. Er ist das Fenster zur Welt, das wie ein imaginäres DIN-Format unsere Wahrnehmung der Wirklichkeit bestimmt. Vor allem mit seinem Frühwerk, mit seinem Do-it-yourself-TV , hält Paik noch dagegen. Er rebelliert gegen den uniformen Sendebrei eines omnipräsenten technologischen Mediums, das sein kommunikatives Potenzial längst verspielt hat. "Das Fernsehen hat uns ein Leben lang attackiert. Jetzt schlagen wir zurück", verkündet er 1973 und probt damit den "Aufstand der Zeichen" gegen die Macht des Mediums. Seine märchenhaft-kaleidoskopartigen Videocollagen befreien hier die Bilder aus ihrem eingleisigen Bezugs- und Bedeutungssystem. Häufig wird dazu der Zufall als Autor inthronisiert.

Später dann, in den Zeiten der Überproduktion, wird aus dem Aufstand Affirmation, aus dem Zufall Beliebigkeit. Aber ewig flimmern die Monitore. Dem virtuellen Bild, dem flüchtigen Medium ein "Heim", einen Körper zu geben, die Software in Hardware, das Videobild in die Videoskulptur zu überführen, das ist aber genauso Paiks Anliegen gewesen. Nicht von ungefähr hat er seine großformatigen High-Tech-Videowände "Monitortapeten" genannt - suggerieren sie doch ein Zuhause an der Schnittstelle zu einer immateriellen Welt.

Diese Sehnsucht, aus der medialen Synthese eine materielle Symbiose entstehen zu lassen, kennzeichnet viele frühe Arbeiten Paiks. Charlotte Moormans berühmter TV-Büstenhalter von 1969 transformiert sie beispielsweise in einen Zwitter zwischen Mensch und Monitor, der Sensoren für eine völlig neuartige Sinnlichkeit ausprägt. Schon fünf Jahre zuvor hatte Paik seinen ersten eigenen Roboter, den K 456, gebaut. Ihm folgten in den achtziger Jahren die bunten Roboterfamilien, deren Körper ganz aus Monitoren zusammengesetzt waren. In seinem Recycling-Verfahren - gerne benutzt er für seine Videoarbeiten bestehendes Bildmaterial und ausrangierte Apparate - zeigte Paik zudem einen organischen Kreislauf des Werdens, Vergehens und Wiederkehrens der Bilder und Produkte, der sie einbindet in den natürlichen Prozess des Lebens, dem ja auch der Körper ausgeliefert ist. Wie Paik, gerade jetzt, weiß.