Duisburg

Im historischen Duisburger Ratssaal sitzt die PDS ganz hinten in einer kleinen Nische unter dem mittleren der drei prächtigen, bleiverglasten Fenster. Zöge jemand die schweren, braunen Vorhänge zu, verschwände auch die PDS dahinter. Weiter vorn wollten die etablierten Parteien SPD, CDU und Grüne keinen Platz machen für die drei Abgeordneten, die vor zweieinhalb Monaten in den Rat der Stadt Duisburg einzogen.

Genau zehn Jahre, nachdem die SED zur PDS wurde, scheint es, als würde die Westausdehnung der Partei doch noch klappen. Schon lange versucht die PDS-Führung aus dem ostdeutschen Bund der Heimatvertriebenen und Entrechteten eine gesamtdeutsche, sozialistische Kraft links von der SPD zu machen. Mit viel Geld wurden nach 1990 im Westen Büros angemietet und ein paar alte DKP-Kader aufgenommen. Doch die fochten ihre ewigen Kämpfe weiter, über ein paar hundert Sektierer kam die West-PDS nicht hinaus. Erst der rot-grüne Wahlsieg im vergangenen Jahr brachte den Umschwung. Seit Gerhard Schröder regiert, seit die Sozialdemokraten ihre Politik der Neuen Mitte nicht einmal mehr mit linker Rhetorik begleiten, seit die Expazifisten im Kosovo Krieg geführt haben, verbucht Gysis bunte Truppe auch im Westen erheblichen Zulauf. Gezielt bietet sich die PDS an als Sammelbecken für Enttäuschte. In Niedersachsen lief schon Anfang des Jahres der grüne Landtagsabgeordnete Christian Schwarzenholz über. Vor sechs Wochen wechselte der Coburger SPD-Bundestagsabgeordnete Uwe Hiksch zur PDS. Stolz meldet die Partei, ganze Juso-Ortsgruppen seien zu ihr gekommen.

Mit einer geschickten Auswahl ihrer Spitzenkandidaten - einem stadtbekannten Gewerkschafter und einer jungen Studentin - hat die Duisburger PDS das linke wie das alternative Potenzial angesprochen. Auf Platz 1: Hermann Dierkes, 50, parteilos. Vor 21 Jahren trat er in die IG Metall ein, seit 13 Jahren ist er Betriebsrat bei einer Thyssen-Tochterfirma im Duisburger Hafen, an den Protesten gegen die Schließung des Krupp-Stahlwerkes in Rheinhausen 1987/88 war er beteiligt. Im leisen Gespräch überzeugen kann Dierkes genauso gut wie flammende Reden halten. Mit einer Bürgerinitiative stritt er gegen einen Sondermüllofen, gründete die Wählergemeinschaft DuisBürgerBündnis mit. Aber für die Grünen, sagt Dierkes, sei er "schon immer zu links" gewesen. Auf Platz 2 der Liste kandidierte Irina Neszeri, 25, als Einzige in der neuen PDS-Fraktion auch Parteimitglied. Sie studiert Germanistik und managt nebenher von ihrem roten Handy aus PDS-Wahlkämpfe. Sie hat ein loses Mundwerk und ein Piercing im rechten Nasenflügel. Sie geißelt "patriarchale Strukturen" in der Gesellschaft und den "Rassismus der Mitte". Neszeris Vater ist arbeitsloser Stahlarbeiter, ihre erste Demonstration war der legendäre Aufstand von Rheinhausen. Der Dritte in der Duisburger PDS-Fraktion ist Karl Volkemer, 38, arbeitslos und DKP-Mitglied.

Das PDS-Kalkül ging auf: In den Stimmbezirken, wo SPD und Grüne traditionell stark waren, fuhren die Sozialisten ihre besten Ergebnisse ein. Doch ohne die extrem niedrige Wahlbeteiligung von 45 Prozent wäre der PDS-Erfolg nicht möglich gewesen. Die Duisburger SPD - zum ersten Mal seit dem Krieg ohne absolute Mehrheit - reagierte erst gereizt, mittlerweile klingt Fraktionschef Dirk Lachmann geradezu milde: "Wir haben keine Berührungsängste", sagt er. Über vernünftige Anträge werde man auch vernünftig diskutieren. Doch ein Stimmrecht in den Fachausschüssen wollten die anderen Parteien der kleinsten Fraktion nicht zugestehen.

Im Stadtteil Hochfeld, wo die PDS mit 7,4 Prozent ihr bestes Ergebnis holte, hat die Fraktion vor ein paar Tagen ihr Büro eröffnet. Die Miete und das Gehalt für zwei halbe Mitarbeiterstellen bezahlten die Stadt. In der ehemaligen Metzgerei liegen nun Mietspiegel, Broschüren des BUND und Antifa-Flugblätter in türkischer Sprache aus. Die Wände sind noch kahl. Abends tagt hier der PDS-Kreisvorstand, sechs Männer, die debattieren, und eine Frau, die sich ab und zu meldet und im Übrigen das Protokoll schreibt, auf hellblauen und -grünen Ikea-Stühlen. Es gibt Lebkuchenherzen mit Schokoüberzug, zwei Kerzen brennen. Alle rauchen. Horst und Günter berichten über die Themen, die demnächst im städtischen Bau- und Planungsausschuss auf der Tagesordnung stehen. Einen Yachthafen und teure Wohnungen wird die PDS ablehnen, einem Gewerbegebiet zustimmen und den Kampf der Belegschaft des Bahnbetriebswerkes Wedau um den Erhalt ihrer Arbeitsplätze unterstützen.

Bei den Gewerkschaften in Duisburg ist die PDS bereits als Partner akzeptiert. Der DGB-Kreisvorsitzende Reiner Bischoff kennt und schätzt den PDS-Spitzenmann Dierkes schon lange. Viel aktiver als die SPD, meint Bischoff, bemühe sich die PDS um die Arbeitslosenszene. Überaus gut arbeitet die Gewerkschaft HBV mit der PDS zusammen. Als die Citibank für die Beschäftigten in ihrem zentralen Call-Center in Duisburg jeglichen Tarifvertrag verweigerte, beteiligten sich die Kirchen an der Protestkampagne. Auch die PDS war sofort dabei. "Ich würde mir wünschen, dass die SPD genauso reagiert", sagt HBV-Sekretärin Annette Falkenberg. Bodo Hombach, damals noch Wirtschaftsminister in Düsseldorf, schrieb den Protestierenden, dass schlechte Arbeitsplätze besser seien als gar keine. "Nur langsam", so Falkenberg, komme sie an die SPD heran.