Jeder Versuch, das demokratische Prinzip der freien Wahlen vom Zweck der Demokratie, die Übertragung der Macht von einer Minderheit auf das "Volk", zu trennen, ist gefährlich. Denn die Behauptung, es gebe einen Gegensatz zwischen wirklicher und bürgerlicher Demokratie, hat stets zur Rechtfertigung politischer Willkür gedient. Auch eine rein formale Demokratie kann es nicht geben. In vielen Ländern existiert zwar ein mehr oder weniger oligopolistischer politischer "Markt", also ein Markt, der von Parteien kontrolliert wird. Solche Verhältnisse wird man jedoch schwerlich als Demokratie bezeichnen können.

Vielleicht gewinnen wir daraus aber eine Erklärung für die aktuelle Schwäche der demokratischen Idee. Denn heute wirken die Parteien auf uns, als seien sie nur noch Instrumente, um an die Macht zu gelangen - an eine Macht freilich, die de facto äußeren und inneren wirtschaftlichen Zwängen und Interessen unterliegt oder im schlimmsten Fall ethnischen, nationalen oder religiösen Kräften ohnmächtig gegenübersteht.

Dieser republikanischen Vorstellung, um das Wort hier im traditionellen Sinn zu gebrauchen, steht eine liberale Auffassung gegenüber. Sie hat ihre Wurzeln bei Jean-Jacques Rousseau und geht davon aus, dass der Einzelne sich emanzipiert, indem er seine Bürgerpflicht erfüllt. Der contrat social, der Gesellschaftsvertrag, bewahrt uns vor der Herrschaft Einzelner und befreit den Bürger von allen Formen von Unterdrückung.

In dem Maß, wie sich der Handels- und Industriekapitalismus entwickelte, geriet die republikanische Vorstellung von Demokratie ins Kreuzfeuer der Kritik. Denn plötzlich erschienen ihre politischen Institutionen gegenüber den starken Interessen einer Oligarchie als schwach oder gar gefügig. In manchen Ländern, wo die republikanische Demokratie nur auf schwachen Füßen stand, nahm der Dauerappell an das arbeitende Volk oder die Arbeiterklasse revolutionäre und undemokratische Formen an. In anderen Ländern hingegen, beispielsweise in Großbritannien, Deutschland und später in den Vereinigten Staaten und in Frankreich, gelang ein eindrucksvoller Demokratisierungsschub, nämlich die Ausweitung demokratischen Handelns vom engen Feld der Politik auf die Sphären von Arbeit und Produktion. Dies hat auch die Definition und das Verständnis von Demokratie enorm vorangetrieben. Das Volk besteht fortan ebenso aus Arbeitern wie aus Staatsbürgern, und der Nationalstaat ist nicht mehr nur die Hauptorganisationsform der politischen Institutionen, sondern auch der wirtschaftlichen Ordnung und der Kultur.

Leider hat diese große demokratische Errungenschaft heute erheblich an Kraft und Einfluss eingebüßt. Die Entwicklungen in der zweiten Hälfte unseres Jahrhunderts haben uns eine dramatische Lektion erteilt. Wir wurden darüber belehrt, dass sich in einer globalisierten Wirtschaft die ökonomischen Entscheidungszentren aus dem nationalen Rahmen lösen und der politischen Steuerung entziehen. Im selben Augenblick droht die Demokratie zu einem politischen Markt zu verkümmern, auf dem Parteien wie Unternehmen agieren und wie am Fließband Gewählte produzieren. Der Primat der Politik gegenüber der Wirtschaft schwindet.

In dieser Situation stellt sich die Frage, ob man die soziale Demokratie erweitern und durch eine kulturelle Demokratie ergänzen kann - für eine Demokratie, die nicht nur auf dem freien Zugang zu Erziehung und Bildung, sondern auch auf der Begegnung mit anderen Kulturen gründet. Aber weil eine kulturelle Demokratie konstitutiv darauf angewiesen ist, kulturelle Differenzen anzuerkennen, kann man zu Recht fragen, ob zwei so widersprüchliche Ideen überhaupt miteinander versöhnt werden können - also gesellschaftliche Integration auf der einen, kulturelle Verschiedenartigkeit auf der anderen Seite.