1931 wird auf der Hinrichtungsstätte am Düsseldorfer Nordfriedhof ein 27 Meter hohes Stahlkreuz zum Gedenken an den nationalen Märtyrer errichtet.

Eine Rotunde und eine breite Aufmarschstraße sind für Großkundgebungen angelegt, als ahnte man das "Dritte Reich" voraus. Im Mai 1933 versammeln sich dort eine halbe Million Menschen.

Wenige Tage zuvor, am 20. April, zu Hitlers Geburtstag, war im Berliner Schauspielhaus das Kolportagedrama Schlageter von Hanns Johst aufgeführt worden: "Wir Jungen, die wir zu Schlageter stehen, wir stehen nicht zu ihm, weil er der letzte Soldat des Weltkrieges ist, sondern weil er der erste Soldat des Dritten Reiches ist!" Zum Schlussapplaus zeigt sich der Autor mit hoch gerecktem rechtem Arm vor Hitler auf der Bühne. Die Mühe lohnt sich: Johst wird Präsident der Reichsschrifttumskammer.

Und die Nazi-Propaganda modelliert fleißig weiter an dem neuen Idol. Ein Historiker behauptet ungeniert, schon früh habe sich Schlageter für den Nationalsozialismus entschieden und sei Parteigenosse geworden. Erst nach dem Krieg stellte Ernst von Salomon in seinem Fragebogen die Dinge richtig.

Schlageter habe sich bitter über das Verhalten der Nazi-Partei während der Ruhrkrise beklagt. Während sich alle anderen vaterländischen Verbände mit dem Widerstand solidarisierten, gab Hitler die Parole aus: "Nicht nieder mit Frankreich, sondern nieder mit den November-Verbrechern!" (gemeint waren die Marxisten).

Seit Anfang der dreißiger Jahre kannte jedes Schulkind in Deutschland den Namen Schlageter. Thomas Mann schrieb im Exil in sein Tagebuch: "Der deutsche Wille zur Legende, zum Mythos, zu dem, was nicht wahr, aber ,schöpferisch' ist, ein Wille gegen die Wahrheit, gegen die geistige Reinlichkeit: sehr roh hervortretend in den Fällen Schlageter und Wessel." Da wusste er noch nicht, dass die Kriegsmarine zwei neue Segelschulschiffe als Albert Leo Schlageter und Horst Wessel von Stapel laufen ließ (beide existieren noch, das erste in Portugal, das andere in den USA).

Bis in die achtziger Jahre haben Neonazis versucht, den Schlageter-Mythos aufrechtzuerhalten. Nun ist Ruhe eingekehrt. Wo einst das Düsseldorfer Stahlkreuz in den Himmel ragte, steht heute ein anderes Denkmal: für die Kriegsgefallenen, die Opfer des Bombenkrieges und des nationalsozialistischen Terrors.