Geboren am 26. Februar 1918 in Petrograd, gestorben am 22. November 1999 in Potsdam: Das Leben vollendete jenen Brückenschlag, den Efim Etkind als Kulturvermittler immer schon versucht hatte. Mit zahllosen Studien zur russisch-deutschen Literatur, mit einer Brecht-Biografie (1971) und großen Anthologien, deren letzte 1998 in Sankt Petersburg erschienen ist: Die deutsche Lyrik. Nachgedichtet von Efim Etkind. Auf 500 Seiten geht es, umgekehrt chronologisch, von Peter Huchel bis Hans Sachs, und man staunt über die enormen praktischen Fähigkeiten des Übersetzungs- und Verstheoretikers.

Etkind war vieles und alles mit Leidenschaft: Komparatist (als Schüler des russischen Formalisten Wiktor Schirmunskij), Germanist, Romanist und, neben seiner wissenschaftlichen Tätigkeit, ein begnadeter Lehrer - lange Jahre am Herzen-Institut in Leningrad, ab 1975 an der Université de Paris X in Nanterre, nach seiner Pensionierung an verschiedenen amerikanischen Hochschulen. Andere für Literatur zu begeistern war sein Herzensanliegen. In Paris gründete er eine kleine Übersetzerwerkstatt (aus der eine französische Puschkin-Ausgabe hervorging), er initiierte und betreute Projekte, wirkte als Herausgeber, Mentor, Berater.

Dass er ein treuer Freund war, haben viele erfahren. In schwierigen sowjetischen Zeiten der verfemte Alexander Solschenizyn, dessen Archipel Gulag in Etkinds Haus ein Versteck fand, sowie der als "Parasit" angeklagte Joseph Brodsky, für den sich Etkind vor Gericht einsetzte. Belohnt wurde solche Zivilcourage von den Behörden nicht. Ein Jahr nach Brodskys erzwungener Ausreise wurde Etkind aus allen Ämtern und Stellungen fristlos entlassen. Nach Aberkennung von Professoren- und Doktortitel und dem Ausschluss aus dem Schriftstellerverband blieb ihm nur mehr die Emigration übrig. In Paris schrieb er das bittere Erinnerungsbuch Dissident wider Willen (auf Deutsch Unblutige Hinrichtung, 1978), wenig später sein Standardwerk Die Materie des Verses und die in Deutschland dankbar aufgenommene Geschichte der russischen Lyrik von der Oktoberrevolution bis zur Gegenwart. In der Sowjetunion wurden seine Bücher beschlagnahmt und vernichtet. Zu Nachdrucken ist es auch seit der Perestrojka kaum gekommen. Doch erlebte Etkind mit neuen Arbeiten, vor allem zur russischen Poesie des 20. Jahrhunderts, ein famoses Comeback. Die kosmopolitische Aufgeschlossenheit, die sein gesamtes Werk kennzeichnet, hat auch im heutigen Russland Signalcharakter.

Zu sowjetischen Zeiten aber war er schlicht eine Institution - und seine Wohnung an der Alexander-Newskij-Straße ein beliebter Treffpunkt von Dichtern und Dissidenten. Ich erinnere mich an viele Abende, doch besonders an jenen im März 1972: Brodsky trägt näselnd sein eben zu Ende geschriebenes Gedicht Darstellung im Tempel vor, dann reicht Etkind das neueste Heft der Zeitschrift Woprosy literatury herum: Der Aufsatz eines gewissen Dymschiz kündigt die überfällige Rehabilitation von Ossip Mandelstam an. Freude, Toasts, lebhafte Diskussionen bis spät in die Nacht.