Über drei Stadtbelagerungen im Zweiten Weltkrieg werden sich die Menschen auch im nächsten Jahrhundert noch entsetzen: Leningrad, Stalingrad und Budapest. Schon während der Häuserkämpfe in der ungarischen Hauptstadt sprach man "vom Stalingrad an der Donau". Über diese deutsch-russisch-ungarische Tragödie konnte man hierzulande nur selten etwas lesen, und in Ungarn blieb aus politischen Gründen die Wahrheit über die Schlacht tief in den Archiven verschlossen.

Diesem Missstand hat der Historiker Krisztián Ungváry mit einer exzellenten Dissertation abgeholfen. Ihm kam zugute, dass er zahlreiche noch unveröffentlichte Quellen in deutschen und ungarischen Archiven auswerten konnte. Vor allem aber stützt er sich auf die Schilderungen überlebender Soldaten und Zivilisten seiner Heimatstadt.

Die Russen hätten bereits im Herbst 1944 Budapest im Handstreich nehmen können, hätte Stalin nur fünf Tage gewartet, bis die Angriffsarmeen vollständig waren. In seiner Ungeduld verlangte er die sofortige Eroberung, da er befürchtete, die britischen Truppen könnten früher in Ungarn und Österreich sein als die Sowjetarmee. Dafür nahm er irrsinnige Verluste in Kauf. Sein Gegenspieler Hitler stand ihm in solcher Rücksichtslosigkeit in nichts nach. Er war der Einzige, der Budapest bis zum letzten Ziegelstein verteidigen wollte und zur Festung erklärte. Als könne er die Schlacht um Berlin in Ungarn gewinnen, ließ er die Hälfte seiner Panzerdivisionen von der Ostfront dorthin verlegen. Drei Entsatzoffensiven (Deckname "Konrad") im Januar 1945 blieben im Schnee und Schlamm stecken. Ungarn war für die Wehrmacht deshalb so wichtig, weil Deutschland nur noch über die westungarischen Ölfelder Treibstoff bekam.

Eine traurige Figur macht der deutsche Kommandant Budapests, der SS-General Karl Pfeffer-Wildenburg, der sich genauso wie Paulus in Stalingrad weder für einen rechtzeitigen Ausbruch noch für eine Kapitulation entscheiden mochte.

Stattdessen schickte er seine Leute und auch die ihm unterstellten ungarischen Soldaten wie Lemminge in den Tod. Von den 28 000 Soldaten, die ausbrachen, erreichten kaum mehr als 700 die deutsche Hauptkampflinie. 17 000 starben innerhalb von fünf Tagen, die meisten bereits binnen sechs Stunden.

Hoch anzurechnen ist dem Autor, dass er auf 25 Seiten schonungslos die ungarische Judenverfolgung zur Zeit der Belagerung schildert. Gleich nach ihrem Putsch im Oktober 1944 begannen die faschistischen Pfeilkreuzler unter Ferenz Szálasi die noch in Budapest verbliebenen Juden systematisch umzubringen. Vor den Augen der Öffentlichkeit wurden am Donauufer und auf freien Plätzen jüdische Bürger massenweise erschossen. Als sich die Sowjettruppen dem Ghetto näherten, wollten die Pfeilkreuzler noch im letzten Moment alle Insassen vernichten. Der deutsche Generalmajor Schmidhuber konnte das Vorhaben verhindern. Daran, dass weder Polizei noch Militär, noch die Budapester Gesellschaft die Massaker verhinderten, werde, so Ungváry, "die tiefe moralische Krise der ungarischen Gesellschaft deutlich".

Krisztián Ungváry: Die Schlacht um Budapest 1944/45