Trier/Wuppertal Die Dame mit dem sächsischen Tonfall ist perplex: "Was, Sie ham keen Museumsshop?" Zu gern hätte sie eine kleine Marx-Büste gekauft. Oder ein Gedichtbändchen, denn als junger Mann habe Marx "sähr scheene Gedischde geschriem". Doch die Frau an der Kasse muss passen. Sehr, sehr traurig findet die Besucherin das. Marx sei doch ein großer Sohn dieser Stadt, und dass der Sozialismus im Osten "so traurisch geänded had, dofier ganner doch nischt!".

Doch mit Geringschätzung hat das dürftige Devotionalienangebot gar nichts zu tun die Gedenkstätte wurde einfach von der Nachfrage überrascht. Auffällig viele Besucher kämen in letzter Zeit, sagt Hans Pelger, der seit 30 Jahren das Geburtshaus von Karl Marx in Trier im Auftrag der SPD-nahen Friedrich-Ebert-Stiftung leitet. Die eher dröge, mit Dokumenten und Texttafeln überfrachtete Ausstellung zu Marx' Leben und Werk will er bald modernisieren. Auch Souvenirs soll es dann geben. Von den Trierer Konditoren wünscht er sich Marx-Büsten aus Marzipan.

Rund 250 Kilometer entfernt von dem barocken Bürgerhaus am Rand der Trierer Altstadt, in Wuppertal-Barmen, sitzt Michael Knierim im Dachstübchen eines spätbarocken bergischen Bürgerhauses und macht die gleiche Erfahrung: Die Besucher kommen wieder, nachdem es einige Jahre arg still geworden war.

Knierim leitet seit 30 Jahren das Engels-Haus, ein städtisches Museum. Es ist das Geburtshaus des Textilfabrikanten Johann Caspar Engels. Friedrich Engels' Geburtsstätte, rund 100 Meter entfernt, wurde 1943 durch einen Bombenangriff zerstört.

Ein Blick in die Gästebücher in Trier und Wuppertal zeigt: Die Besucher kommen aus aller Welt, etliche davon aus einer untergegangenen. "Schön, dass Marx' Ideen noch so ein würdevolles Haus haben", lobten Barbara und Reinhardt. "In Leipzig wurde sein Name würdelos getilgt. Aus dem Karl-Marx-Platz wurde wieder der ,kaiserliche' Augustusplatz. Aber wir träumen weiter von Marx' Ideen." In Wuppertal schrieb Student Wang Qingzhi aus Shanghai: "Der große Marxist und Sozialist Friedrich Engels lebt noch immer in den Herzen der Menschen!"

25 000 Besucher pro Jahr kommen ins Engels-Haus, ebenso viele wie vor der Wende. Auch das Marx-Haus hat mit jährlich 35 000 Gästen fast wieder Vorwendeniveau erreicht. Die Besucher von heute seien jedoch keine gelangweilten Absolventen eines Pflichtprogramms mehr, mit dem die Partei einst verdiente Mitglieder belohnte auch die Nostalgiker machten nur einen kleinen Teil aus, sagt Bibliotheksleiter Karl-Ludwig König in Trier jetzt kämen die wirklich Interessierten, darunter viele Jugendliche aus Ost und West, die wissen wollten, was denn dran ist an dem Karl Marx, unabhängig von jeder Art realen Sozialismus. "Ich glaube, in der Analyse war er gut, nur wie man ein neues System aufbaut, da war er wohl nicht so gut", meint eine 17-jährige Schülerin vom Montessori College im holländischen Nijmegen, die mit ihrem Philosophiekurs zu Besuch gekommen ist. Ihre Mitschülerin glaubt, Marx' Ideen seien in den sozialistischen Ländern "verfälscht" worden.

In China scheint Engels höher im Kurs zu stehen als Marx, gemessen an den zahlreichen chinesischen Besuchern im Engels-Haus. Auch sie kommen nicht mehr "als Kollektiv", sondern einzeln, erzählt Knierim. Und sie schreiben nicht mehr eifrig ihre Notizblöcke voll, sondern verhalten sich "wie gute Katholiken im Vatikan: Sie schwatzen und lachen und lassen sich fotografieren."