Auf dem Berliner Historikertag im Oktober 1964 sprang Fritz Stern einem heftig attackierten deutschen Kollegen zur Seite. "Aber wird nicht jede neue These in der Geschichtsschreibung das erste Mal so scharf, so einseitig formuliert?", fragte der amerikanische Historiker unter dem Beifall des studentischen Auditoriums. "Unsere Wissenschaft braucht solche anregenden Neuanfänge." Diese noblen Worte galten dem Werk des Historikers Fritz Fischer Griff nach der Weltmacht, das seit Herbst 1961 Furore machte. Tatsächlich markierte das Buch einen entscheidenden Neuanfang. Es brach mit einer liebevoll gepflegten nationalen Legende: der von Deutschlands Unschuld am Ausbruch des Ersten Weltkriegs. Das Kaiserreich war, so Fischers provozierende These, nicht etwa unfreiwillig in den Krieg "hineingeschlittert", sondern hatte ihn zielbewusst herbeigeführt - in der Absicht, sich über die angestrebte Hegemonie in Europa zur ersten Weltmacht aufzuschwingen.

Der Aufschrei, den diese These auslöste, zeigte, dass der Hamburger Gelehrte einen Zentralnerv des konservativen Geschichtsverständnisses getroffen hatte. Gerhard Ritter, der Freiburger Nestor der bundesdeutschen Geschichtswissenschaft, sah "die Schuldanklage von Versailles indirekt erneuert und noch erweitert". Gemeinsam mit seinem Kieler Kollegen Karl Dietrich Erdmann überlegte er, wie man "das Ungeheuer der neuen Geschichtslegende zur Strecke bringen" könne. Im Rückblick von fast vierzig Jahren mag man kaum glauben, was die Häupter der Zunft so alles anstellten, um den "Nestbeschmutzer" aus Hamburg zum Schweigen zu bringen. Ritter intervenierte sogar direkt beim damaligen Außenminister Gerhard Schröder, um eine Vortragsreise Fischers in die USA zu verhindern.

Fischers Griff nach der Weltmacht erschien nicht zufällig am Ende der Adenauer-Ära, und manche sahen in dem Buch einen Wegbereiter für die Umbrüche der späten sechziger Jahre. Wichtiger aber war seine Bedeutung für die Zunft selbst: Es beseitigte die nationalkonservative Deutungshoheit, führte die deutsche Geschichtswissenschaft an die internationale Forschung heran und gab ihr neue Fragen auf, unter anderem die nach der Kontinuität der Eliten zwischen Kaiserreich und "Drittem Reich". Eine jüngere Historikergeneration, die in den siebziger Jahren Sozialgeschichte auf ihr Panier schrieb, hat sich davon anregen lassen.

Die Fischer-Kontroverse ist längst Geschichte. Manche Einseitigkeiten und Übertreibungen, zu denen ihr Urheber im Laufe des hin- und herwogenden Streits neigte, sind inzwischen korrigiert worden. Seine Kernthese, dass die deutsche Reichsleitung die Hauptverantwortung für die Auslösung des Ersten Weltkriegs trug, wird jedoch kaum mehr bestritten, auch wenn die Historiker neuerdings wieder stärker nach dem Anteil der anderen europäischen Mächte fragen.

Fritz Fischer war der bedeutendste Historiker der frühen Bundesrepublik. Beharrlich und mutig hat er der historischen Wahrheit eine Gasse gebahnt. Am Mittwoch der vergangenen Woche ist er im Alter von 91 Jahren in Hamburg gestorben.