Der Kasper ist ganz ernst

Normalerweise ist Hugo Egon Balder bei RTL für den Spaß zuständig. Im Augenblick sieht er allerdings nicht so aus. Unter seinem rechten Ohr haben sich zwei rosa Flecken gebildet, seine türkisfarbenen Augen sind weit aufgerissen. Balder wirkt wie ein Gehetzter. Er scheint auch Gliederschmerzen zu haben - jeder Schritt zerrt an seinem schmalen Gesicht.

Hugo Egon Balder, 49 Jahre alt, läuft durch die Kulisse eines Fernsehstudios in Hürth bei Köln. Morgen soll hier eine Folge der neuen RTL-Comedyshow Freitag Nacht News aufgezeichnet werden. Balder ist der Produzent. Eine Nachrichtensprecherin probt den Text: "Analverkehr geht an die Börse - Großanleger haben Schwierigkeiten, in diesen noch recht engen Markt zu kommen." Balder lacht sich schlapp. Er ist der einzige, der das nach der siebten Probe noch kann. Wenn ihn der Kameramann dann anstarrt, sagt er manchmal: "Sorry" oder: "Ich kann mir nicht helfen."

Seine Frisur wirkt wie ein Gruß aus dieser Zeit. Die schütteren Locken trägt er vorne kurz und hinten lang. Das tut er nicht nach neun Jahren wieder, sondern immer noch. Für die drei Jahre Tutti-Frutti hat sich Balder ein Riesenarsenal von Rechtfertigungen gebaut. Im Moment hilft er sich mit einem Tipp des Schauspielers Walter Giller. Der hatte ihm geraten, sich im Tutti-Frutti- Image zu sonnen. Wenn Balder Kollegen von früher trifft, aus seiner Zeit am Berliner Schillertheater, dann klappt das nicht. Dann traut er sich nicht, auf die zuzugehen. "Vor denen hab ich ein bisschen Angst, darüber zu reden. Die konnten so viel", sagt er leise.

Der Narr auf dem Schmuddelkanal

Am Schillertheater spielte Balder in den siebziger Jahren, in der "Zeit der Götter", wie er sagt. Die Aufführungen fanden oft vor halbleeren Sälen statt. Fernsehen inszeniere nicht so arrogant an den Menschen vorbei, findet Balder. "Wenn die Leute etwas nicht wollen, dann lässt man es", sagt er.

Anfang 1993 beschloss Helmut Thoma, die Sache mit Tutti-Frutti zu lassen. Balder hatte sich für den Sender die Stimme aufgerieben und die Polypen entfernt. Sein Krächzen blieb dennoch. Er hatte sich von seiner Frau scheiden lassen und seine Jeans immer so gebügelt, dass man keine Kniffe an der Seite sah. Und dann war es zu Ende, und die Menschen riefen ihm "Ey, Hugo, Chin-Chin" hinterher. Balder hatte pro Show 4000 Mark bekommen. Der Dienst, den er RTL erwies, war unbezahlbar. Keine Woche verging, ohne dass Medienrechtler die Nase rümpften, Feuilletonisten die totale Sinnentleerung kommen sahen. Balder war der Narr, aber er hielt RTL im Gespräch.

Im Schatten der Empörung formten der damalige RTL-Chef Helmut Thoma und Programmdirektor Marc Conrad den Sender um: Aus dem Schmuddelkanal wurde organisiertes Formatfernsehen mit täglichen Talkshows, Serien und gebannten Zuschauern, die sich auf die ewige Wiederkehr von Unglück und Glück, von Notruf und Traumhochzeit freuten. Die RTL-Seher rotteten sich zu einer Horde von Millionen zusammen, einer Superquote, und 1994 war der Sender zum ersten Mal erfolgreicher als die ARD. Und weil Thoma ahnte, dass dies etwas mit dem dürren Moderator von Tutti-Frutti zu tun hatte, blieb Balder bei RTL. Bis heute.

Der Kasper ist ganz ernst

Mitte 1993 hatte sich Balder noch geweigert, die Show zu produzieren. Programmchef Marc Conrad hatte ihm die Sendung mit den Worten angeboten: "Das schaffst du nie."

Vielleicht war Conrad skeptisch, weil Balder bei Tutti-Frutti nicht gerade überfordert war mit konzeptioneller Arbeit. Vielleicht dachte er an Balders spärlich eingerichtetes Büro, wo auch heute nur ein paar Boulevardzeitungen liegen und an der Wand ein kleines Regal steht mit 13 Videokassetten - ein Büro, das in zwei Minuten geräumt werden kann, ohne Spuren zu hinterlassen. Vielleicht dachte Conrad daran, dass Balder noch nie mit einem Computer gearbeitet hat.

Er ahnte den Geschmack von Millionen

Vielleicht dachte Balder daran, dass er immer seine Kollegen bitten musste, ihm zu helfen, wenn er etwas im Internet suchte. Vielleicht fiel ihm ein, dass Conrad im Sender den Beinamen "Stalin" hatte und dazu fähig war, TV-Denkmäler wie Thomas Gottschalk zu versenken.

Vielleicht beruhigte Balder schließlich, dass er Jacky Dreksler an seiner Seite hatte, den Kopf der Sendung, einen Produzenten, den Balder "den Psychologen" nennt. "Ich war ja mehr der Gaukler, der Wühler." Die beiden sahen, dass "Stand up-Comedy" im Fernsehen mehr Chancen hatte als der hausbackene politische Kalauer. Dreksler erkannte den Witzbold in Wigald Boning, und Balder spürte, dass es lustig sein würde, wenn Boning eine Klobürste als Mikrofon nahm und Passanten in Fußgängerzonen mit Nonsens-Fragen überrumpelte. Balder wurde der Pointenwächter von RTL, der Schleusenwärter der neuen Comedywelle. Der Seher: Er ahnte den Geschmack von Millionen.

Nach der siebten Folge von RTL Samstag Nacht schrieb Rudi Carell: "Endlich ist mal was passiert." In Interviews wurde Balder plötzlich nicht mehr automatisch geduzt. Aber eigentlich sei er, der Unterhalter, immer "unterste Stufe" geblieben. Es passte nicht in das Bild vom "Herren der Möpse", dass er die Berliner Schauspielschule von Else Bongers besucht hatte, seinen Fernsehschülern das Handwerkszeug zeigte. Es interessierte nicht, dass er 1973 zum Berliner Schillertheater gekommen war, einem der besten Häuser des Landes. Balder war dort der Dünnste von allen und bekam so schmale Rollen, dass er nebenher Kabarett machte und Schallplatten aufnahm mit Titeln wie Elvira, hol' dein Strumpfband ab .

"In diesem Land darf man ja immer nur eins machen", sagt Balder beleidigt. "Ich wollte aber gucken: 'Kannste das? Nee? Machste das auch mal.'" Einen Regisseur fragte Balder einmal, warum der ihm nicht öfter Rollen gebe. "Ich weiß nicht, was Sie sind", habe der geantwortet. "Musiker, Schauspieler, Sänger, Autor oder Spaßmacher?" Balder hatte damals keine Antwort. Und heute? "Ich weiß es nicht", sagt Hugo Egon Balder.

Der Kasper ist ganz ernst

"Er war ein sehr ernsthafter junger Mann", sagt Lothar Blumhagen, einer der Schauspiel-Götter von damals. Er erinnere sich, dass Balder dem Theater und den Menschen gegenüber sehr respektvoll gewesen sei. "Er war ein Hochbegabter", sagt Stefan Wigger, ein ehemaliger Kollege von Balder. Wigger suchte damals einen Partner für sein Kabarett Musikalischer Kitsch . Er fand Balder, und das Programm war monatelang ausverkauft. "Wenn ich noch mal eine Revue machen würde", sagt Wigger, "der Egon wäre sofort dabei."

"Nach einem Anruf von Wigger wäre ich in einer Stunde in München", sagt Balder. Und etwas lauter: "Der soll mich anrufen, das wär's." Balder erzählt, dass Wigger sein "absoluter Lehrmeister" gewesen sei. Sogar die Länge von Sprechpausen habe er von Wigger gelernt. Und wie Balder so dasitzt und erzählt, streckt sich plötzlich sein krummer Rücken, aus seinen Augen weicht das Gehetzte, sie werden hell und wach und stolz, als sähen sie in die Gesichter der begeisterten Kabarettzuschauer von damals. Balder spielt auf dem Tisch Klavier, bedient eine Tuba, eine Hupe, breitet die Arme aus und ruft, so laut, dass sich alle erschrecken: "Ja, es ginge." "Die Nummer ist doch zeitlos", sagt Balder leise.

Balder sagt: "Immer wenn ich das gemacht habe, war ich in dieser Zeit drin. Die Leute amüsierten sich, obwohl sie schon die Schritte der SS hörten."

Schön möglich, dass dieser Text ihn an seinen Vater denken ließ, einen Soldaten der Wehrmacht und bürgerlichen Katholiken, der während der Nazizeit auf der Straße manchmal mit "Heil Hitler" und, für die Andersgläubigen, mit "Guten Morgen" gegrüßt hatte.

Wahrscheinlich dachte Balder aber an seine Mutter. Die war Jüdin. Einmal, Anfang der vierziger Jahre, hatte sein Vater sie in ein Berliner Offizierskasino mitgenommen. Die beiden waren nicht verheiratet, weil das nicht mehr möglich war, aber sie hatten Hunger. Neben die Uniform des Vaters hängte seine Mutter ihren Mantel, und plötzlich war ihr gelber Judenstern zu sehen. "Sie dachte: Jetzt ist es aus", sagt Balder, doch die Anwesenden blieben still. 1943 deportierten SS-Männer Balders Mutter, seine Oma und seinen Halbbruder nach Theresienstadt. Die drei überlebten, Balders Eltern heirateten, und obwohl seine Mutter von der Lagerhaft gezeichnet war, wurde sie noch einmal schwanger und bekam einen dürren Sohn, den sie Hugo Egon nannte.

Seine Mutter habe nicht viel über die Zeit gesprochen, sagt Balder. "Du kannst dir nicht vorstellen, was der Mensch aushalten kann", das hat er sich gemerkt. Vor zwei Jahren fand er in ihrem Nachlass den Judenstern. Sie hatte ihn aufgehoben.

Noch mal die alten Sachen machen - oder aufhören

Der Kasper ist ganz ernst

Balder würde gern noch mal die alten Sachen machen. Stefan Wigger habe ihm damals aber gesagt, man solle aufhören, wenn es am schönsten ist. "Das hab ich nie verstanden." Vielleicht habe er Alles Nichts Oder und Samstag Nacht deswegen ein Jahr zu lang gemacht. Und vielleicht hat Balder deshalb im März noch mal versucht, zusammen mit Hella von Sinnen eine Show zu moderieren. Es blieb bei einer Pilotsendung.

Vielleicht ist die Zeit des großen Spaßes vorbei. Balder wird weiter hinter der Kamera stehen und außer Freitag Nacht News noch eine Sport-Comedy produzieren. Er wird aus schlechten Gags weniger schlechte machen, sie vorspielen und schmunzeln. Balder erzählt, jemand habe ihm einmal geraten: "Lach über die Dinge, dann hältst du sie aus." Es war seine Mutter.