Ja, was jetzt: PROUST? Kennen doch alle schon. Und dann wird, wie immer, das ganze Arsenal so runtergebetet: Der Kuss, die Madeleine, die Weißdornbüsche, hat jeder schon von gehört, kann man langsam nicht mehr hören. Ich frage herum, bei Bekannten, hast du oder hast du nicht? Ja. Nee. Reingelesen. Gegenfrage: Wieso Proust, du bist doch gar nicht schwul, oder? Mmmh. Zwei Bände. Hundert Seiten. Wieder aufgesteckt. Schon ein bisschen langweilig, oder? Tja.

Na, ging mir ja genauso. Fünfmal angefangen in den letzten fünfzehn Jahren und nie über Seite 120 hinausgekommen. Dieser blöde Kuss, diese blöden Madeleines, hab ich gedacht. Was hat das mit mir, mit dem schnellen Beat des zu Ende gehenden Jahrhunderts zu tun? Dann aber schleppte ein Freund dieses kleine Büchlein von Alain DeBotton an, Wie Proust Ihr Leben verändern kann, und das war's dann, eigentlich gar nichts Besonderes, nichts Neues, aber schön gemacht, ohne Pose und also ein Türöffner, wie man ihn manchmal braucht, wenn einem der Zugang zu einem der Großen verstellt ist von dessen Bewunderern.

Ahh was, nein, genau andersrum war es, ich musste erst empfänglich WERDEN, musste mir meine dummen Vorurteile vom Leib lernen, den TEXTBEGRIFF des Deutschunterrichts samt jenem Quark, den André Gide in die Welt gesetzt und später bereut hat, der sich aber in der Welt hält, seitdem, wie aller Quark, dass nämlich Proust "zur mondänen Dandy-Literatur" gehöre, ein "Snob" sei, ein "literarischer Amateur". Und hinzu kam alles, was man so unausweichlich präsentiert bekommt, das Bild vom ewig kränkelnden Muttersöhnchen, vom verfeinerten Salonlöwen, von der Klein-klein-Literatur eines Egomanen, in der die Welt mit dem Mikroskop betrachtet werde und jeder Satz eine Blume im Knopfloch trage.

Rumlaufen mit dem Lächeln des haltlos Euphorisierten

Irgendwann, so dachte ich, wirst du ihn wohl dennoch lesen müssen. Ich hatte nicht gemerkt, dass mir nicht der Text, sondern dass ich mir selbst im Wege gestanden hatte. Mein vermeintliches Vorwissen war stärker gewesen als meine Augen. Weil ich meinte, lesen zu müssen, war ich nicht mehr in der Lage gewesen, lesen zu wollen.

Dann also doch und endlich. Danke, Monsieur DeBotton. Nachts gelesen, gelesen, gelesen, tags dann rumgelaufen, mit so einem Glimmer in den Augen, mit dem bestussten Lächeln des haltlos Euphorisierten, bis mein Gegenüber es nun aber wirklich wissen wollte: "Also komm, nun sag schon, was ist los?" Und ich dann, ja, ähh, Proust, und nicht mehr aufgehört mit Schwärmen. Und nur darum kann es ja gehen, weil alles Intelligentphilologische über Proust längst gesagt ist in der kleinen Studie von Ernst Robert Curtius mit dem schönen und treffenden Titel: Marcel Proust, was nun aber wirklich frappierend ist, weil Curtius sein Werklein schon in den frühen zwanziger Jahren geschrieben hat, als die letzten Bände des Romans noch nicht einmal erschienen waren. Wie gesagt, alles gesagt, aber trotzdem wird natürlich immer weiter geschlaumeiert, hier eine Studie, da eine Ausstellung, dieser Aspekt noch und jener, wie bei Goethe. Und wenn einem gar nichts mehr einfällt, muss in der Recherche , wie wir das Werk ja so blöde-kurz-vertraulich gerne nennen, auch noch ein Fehler entdeckt werden, der keiner ist, nur um sich reinzuwanzen in die Internationale der Proust-Streber. Wird dann auch alles brav gedruckt, bloß das schönste Buch über Proust ist auf dem deutschen Markt mal wieder nicht zu haben: Monsieur Proust von Celeste Albaret, der letzten Haushälterin, die diskrete Liebeserklärung einer würdigen Greisin, so lässig-ernst und klug-bescheiden, dass man sich wünscht, man wäre in die Gunst gekommen, mit dieser alten Dame mal einen schweigsam-versonnenen Frühlingsmorgen auf dem Friedhof Père-Lachaise verbringen zu dürfen, eine Weile vor SEINEM Grab zu stehen und gemeinsam zu denken: Wenigstens DER, wenn es denn mit rechten Dingen zuginge, hätte nicht sterben dürfen. Na ja.

Irgendwann aber wurden auch die freundlichsten Freunde ungeduldig und wollten es genauer wissen: Also was nun, was ist es, was dich so affiziert, was dich so kirre und glücklich macht? Kam ich mir vor wie jene Kandidaten in dem Sketch von Monty Python - The All-England Summarize Proust Competition -, die in fünfzehn Sekunden, mal im Bade-, mal im Abendanzug, die gesamte Recherche zusammenfassen sollen und daran kläglich scheitern.