DIE ZEIT: Herr Luttwak, ist das Scheitern der Welthandelskonferenz in Seattle eine erste Niederlage für den Turbokapitalismus, wie Sie die entfesselte Marktwirtschaft nennen?

EDWARD LUTTWAK: Man kann das so sehen. Das Treffen in Seattle ist nicht nur deshalb gescheitert, weil es schlampig vorbereitet war. Es haben sich auch die unterschiedlichsten Gruppierungen gegen jene Art der Globalisierung gewehrt, die durch das Einreißen von Schutzbarrieren das Leben vieler Menschen völlig durcheinander bringt. In Seattle kollidierte die Theorie des freien Marktes mit der Lebenswirklichkeit Tausender Gruppen.

ZEIT: Sie haben Verständnis für die Proteste?

LUTTWAK: Selbstverständlich. Die Bolschewisten wollten ihr Modell Kasachstan, Georgien und am liebsten auch noch Holland aufzwingen. Das hat nicht funktioniert. Heute soll das ökonomische Effizienzmodell der gesamten Welt mit ihren extrem unterschiedlichen Sozialsystemen übergestülpt werden. Auch das ist ein ideologischer, geradezu bolschewistischer Ansatz. Erst das hat den breiten Widerstand in Seattle zusammengebracht. Diesen Unmut hat sich eine kleine Anarchistengruppe aus dem Städtchen Eugene im US-Staat Oregon für ihre Gewaltexzesse zunutze gemacht. All die anderen Gruppen hatten damit nichts zu tun.

ZEIT: Viele haben in Seattle deshalb protestiert, weil die Globalisierung die Umwelt zerstört. Ist diese Kritik berechtigt?

LUTTWAK: Jede ungebremste ökonomische Entwicklung hat die natürliche Tendenz, sich alles untertan zu machen: Kultur wird zu Folklore, und Wälder werden zu Holzfabriken. Der Turbokapitalismus heizt das Wachstum an, und unterm Strich zerstört Wachstum die Umwelt, na klar. Man kann auf ein Stück Wachstum verzichten, muss dann aber mit weniger Wohlstand auskommen. Das ist durchaus legitim, nur muss man sich darüber im Klaren sein.

ZEIT: Wie verschafft der Turbokapitalismus der Menscheit denn mehr Reichtum?

LUTTWAK: Der Kapitalismus der neunziger Jahre unterscheidet sich vollkommen von dem der vorangegangenen Dekaden. Deshalb habe ich das Wort Turbokapitalismus erfunden. Es bezeichnet den vollkommen deregulierten, völlig entfesselten Markt, ohne alle schützenden Barrieren. Reichtum schafft der Turbokapitalismus, weil für ihn nur eins zählt: Effizienz.

ZEIT: Wann kam die qualitative Wende?

LUTTWAK: Es begann Ende der siebziger Jahre, als unter Präsident Jimmy Carter der Luftverkehr dereguliert wurde. Dem lag kein durchdachter Plan zugrunde, man hoffte lediglich, dass die Preise im Luftverkehr sinken würden. Diese Hoffnung hat sich zwar als richtig erwiesen, aber kein Mensch hat die weiteren Konsequenzen einkalkuliert. Früher war ein Job bei einer Airline ein sicherer, gut bezahlter Job, und es gab noch vier Flugzeughersteller in den USA. Heute gibt es de facto nur noch einen, und die Angestellten der Airlines können nicht mal mehr die höhere Schulbildung ihrer Kinder finanzieren. Nach diesem Muster lief es auch in anderen Sektoren.

ZEIT: Wie sprang der Deregulierungsbazillus auf Europa über?

LUTTWAK: Praktisch nur auf massiven Druck der Amerikaner, lediglich die Briten haben es aus freien Stücken gemacht. Dort gehörte die Deregulierung zu Maggie Thatchers Strategie, die Gewerkschaften kleinzukriegen. In Amerika war die Deregulierung zu hundert Prozent ökonomisch begründet, in England politisch.