Ich frage mich, ob Wirtschaft und Politik inzwischen ihre tradierten Rollen vertauscht haben. Viel drastischer, als ich selbst dies wagen dürfte, schrieb neulich Günter Grass in der ZEIT: "Nicht mehr die gewählte Regierung, kein Kanzler bestimmt die Richtlinien der Politik: An ihrer Stelle herrschen unlegitimiert die Vorstände der gebündelten und sich global verflüchtigenden Wirtschaftsmacht: (...) Was ist das Papier noch wert, auf dem unsere Verfassung steht, wenn ihm tagtäglich, gepaart mit Drohgebärden - ,Entweder gibt die Regierung nach, oder wir wechseln den Standort' - Hohn gesprochen wird?"

Starker Tobak. Doch können wir nicht, zumindest in der Bundesrepublik, aber auch in anderen westlichen Ländern, täglich neu verfolgen, wie schnell die Regierenden einknicken, wenn sie von den Verbandsvertretern der Wirtschaft, von maßgeblichen Moguln bestimmter Branchen oder von einzelnen wichtigen Großunternehmen unter Druck gesetzt werden? Sprechen nicht tatsächlich viele Anzeichen dafür, dass der Primat der Politik in Gefahr gerät?

Der Eindruck, es handele sich bei der überwiegenden Zahl der heutigen Unternehmer um Getriebene, liegt nahe. Wer es nicht schafft, den Aktienkurs seines Unternehmens zumindest im gleichen Ausmaß zu steigern wie der Wettbewerber, muss um seinen Posten fürchten. Er scheint zum Gefangenen eines ursprünglich von den USA ausgehenden, dann von der City of London bejubelten und inzwischen an allen Finanzplätzen der Welt als Dogma verkündeten Systems geworden, wonach dem ökonomischen Geschehen volle Autarkie gegenüber allen gesellschaftlichen, politischen und letztlich auch staatlichen Einbindungen zukommt.

In Wirklichkeit kann der Wert eines Unternehmens mit allem Möglichen, nur ganz sicher nicht allein mit der Latte des Aktienkurses gemessen werden. Trotzdem scheint die Selbstauslieferung an die Börse unaufhaltsam, ja, einer großen Mehrzahl von Unternehmern ist sie sogar willkommen. Legion sind die amerikanischen Chefs, die auf diesem Weg als Gegenleistung für ihre Tätigkeit binnen drei oder vier Jahren Vermögen bis zum dreistelligen Millionenbereich ansammeln konnten. Bei einem späteren Zusammenbruch ihres Unternehmens können sie auch fürderhin ein Leben in Saus und Braus genießen. Verwunderlich ist es da nicht, dass deutsche Kollegen ihnen nachzueifern versuchen.

Behauptet wird immer wieder, dass das alles durch die Globalisierung der Weltwirtschaft bedingt wird. Tatsäch- lich handelt es sich um ein Bündel von Vorgängen, deren Auswirkungen zwar keineswegs gottgewollt und unbeeinflussbar sind, denen sich aber nur die wenigsten entziehen können: Weltweit hat das Bruttosozialprodukt in jedem einzelnen Jahrzehnt seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges in einem Ausmaß zugenommen, das demjenigen der gesamten vorausgegangenen Geschichte der Menschheit entspricht. Zugleich ist die Weltbevölkerung von etwas über drei auf demnächst acht Milliarden Menschen angewachsen. Begleitet wird das von einer Explosion des Warentransportes, aber auch des Personenverkehrs rund um die Erde. Die Telekommunikation sorgt (unwiderruflich) dafür, dass der gleiche Wissensstand jedermann fast zeitgleich zugänglich ist. Nicht weniger bedeutsam als die Wissensverbreitung ist die weltweite Verknüpfung und Liberalisierung der Finanzmärkte; allein über die Währungsmärkte werden täglich Transaktionen im Gegenwert von etwa 1500 Milliarden Dollar abgewickelt, mehr als 90 Prozent davon entfallen auf reine Finanzgeschäfte. Wenig mehr als 3000 internationale Fondsgesellschaften - als institutional investors bekannt - verwalten heute ein Anlagekapital von 1200 Milliarden Mark. Sie halten damit über die Hälfte des in den Vereinigten Staaten an den Börsen notierten Kapitals.

Zugleich verändern die weltweit tätigen Unternehmen ihren Charakter. Sie beginnen, ihre Multinationalität - im Sinne eines wohlorganisierten Zusammenspiels von ziemlich selbstständigen, sich als good corporate citizens verstehenden Geschäftseinheiten in einem jeweils nationalen Umfeld - zur Transnationalität zu wandeln, indem sie sich nach und nach von ihren ursprünglichen Kernstandorten, ihren Heimatländern, lösen.

Noch erwirtschaften die weltweit tätigen Unternehmen etwa drei Viertel ihrer Wertschöpfung an ihren ursprünglichen Standorten. Doch die Investitionen der 100 größten Konzerne werden bald zu fast zwei Dritteln außerhalb der Heimatstandorte getätigt werden. Wachsende Transnationalität wird die Folge sein, vorangetrieben auch durch die - nicht zuletzt im Interesse der beteiligten Investmentbanken liegende - Vermehrung von Mammutfusionen.