Moskau

Wer ist Jurij Lushkow? Richtig, das ist der fürsorgliche Moskauer Bürgermeister, der Gründer des Wahlblocks "Vaterland", der Rentensponsor von Witwen und Waisen, der gefeierte Beleuchter des Moskauer Autobahnrings. So dachten die Russen zumindest bis vor einigen Wochen.

Die Schlacht um Russland ist in vollem Gange. Die Hauptquartiere der Kombattanten befinden sich in zwei roten Palästen, die kaum einen Kilometer voneinander entfernt sind. Im Kreml residiert Präsident Jelzin im Kreise seiner Lieben, zu denen neben Tochter Tatjana auch der millionenschwere Politsouffleur Boris Beresowskij gehört. Im Moskauer Rathaus agiert Jurij Lushkow mit seiner geschäftstüchtigen Frau und deren Schwager, der das Finanzkonglomerat Sistema leitet. Die Fehde der mächtigsten russischen Familien erschüttert das Land über elf Zeitzonen hinweg. Gefechtsplätze sind das Fernsehen, die Zeitungen, die Gerichte und die Leichenschauhäuser. Alle Waffen sind erlaubt, man attackiert prinzipiell von hinten, Nachtreten gehört zum guten Ton. In den Söldnerheeren kämpfen Journalisten, Politiker, Juristen, Psychologen und Geheimdienstagenten. Lushkows Bataillone sind, so sieht es aus, die schwächeren. Dabei hatte alles so gut angefangen.

Anfang August schmiedete Jurij Lushkow ein scheinbar unschlagbares Bündnis mit russischen Gouverneuren gegen den Kreml. Der selbstbewusst "Vaterland-Allrussland" getaufte Block konnte nach kurzer Zeit Jewgenij Primakow als Spitzenkandidaten hinzugewinnen. Jelzins verstoßener Expremier unterstützte, wie auch viele Gouverneure, die heiklen Untersuchungen des Generalstaatsanwalts gegen die Kreml-Familie. Der oberste Ankläger stieß dabei auf bemerkenswertes kompromat: So sollen Jelzin und seine Tochter Gratiskreditkarten der Schweizer Baufirma Mabetex besessen haben, die den Kreml-Palast renovierte.

Nicht von ungefähr kursiert seither im Fernsehen ein Russland privat- Video. Darin posiert der mittlerweile entlassene Staatsanwalt mit Damen des leichten Gewerbes in noch leichterer Bekleidung. Dieser Tatbestand konnte jedoch nicht die Vorwürfe gegen Jelzins Schwiegersohn entkräften. Er soll ein Off-Shore-Konto bei der Bank of New York besitzen, über die mutmaßlich mehrere Milliarden Dollar der ehrenwerten Gesellschaft Russlands gewaschen wurden. Alles in allem waren Jelzin und seine Entourage rechtschaffen blamiert, sodass Lushkow und Primakow sich schon auf einen Spaziergang zum Wahlsieg am 19. Dezember einrichteten. Doch dann schlug der Kreml zurück. Ziel der Operation war die Rückeroberung der russischen Seele. Da traf es sich gut, dass "Banditen" in mehreren Städten Wohnhäuser in die Luft sprengten und tschetschenische Krieger dagestanische Dörfer überfielen. Russland in Gefahr! Ein patriotisch schäumender Jelzin vertraute die Lösung der Kaukasusprobleme der Armee an. Die steht nun davor, in Grosnyj den Untergang Karthagos historisch getreu zu rekonstruieren. Die Mehrheit der Russen glaubt, in Tschetschenien werde das Vaterland verteidigt, und jubelt dem neuen Premier und möglichen Jelzin-Nachfolger Wladimir Putin zu. Der Vaterland-Block des Moskauer Bürgermeisters verblasst in der nationalistischen Seelenmassage.

An der Fernsehfront kämpfen die Schlammschleudern von Boris Beresowskij gegen den Feind. So verbreitet der Moderator Sergej Dorenko, Lushkow unterhalte geheime Verbindungen zur Scientology-Sekte und schare "schwule Berater" um sich. Wie Dorenko seine Themen findet, berichtet er gut gelaunt vor seiner Sendung. Er trifft sich drei bis vier Mal die Woche mit Beresowskij. "Wir reden dann über Politik und die japanische Küche. Beim Sushi ist der richtige Reis ausschlaggebend", weiß der Kenner und fügt hinzu: "So wie es bei der politischen Analyse auf die Fakten ankommt."

Weil sich Primakow jüngst in der Schweiz operieren ließ, zeigt Dorenko seinen Zuschauern solch einen chirurgischen Eingriff im Detail. Minutenlang wird auf dem Bildschirm eine Stellvertreterhüfte malträtiert, mit viel Blut und saftigem Kommentar. Dann klärt Dorenko den Zuschauer darüber auf, dass diese Operation in der Schweiz mindestens 40000 Dollar kostet. In einem weiteren Film erzählen Ärzte, wie man sich für viel weniger Geld in Russland operieren lassen kann. Fakten, Fakten, Fakten. Wie die Politiker vom Vaterland-Block ihre Heimat verraten, demonstriert Dorenko auch am Beispiel des Moskauer Bürgermeisters. Der habe sich im tschechischen Karlsbad für vier Millionen ein Hotel gekauft und es für seine "Familie" luxussanieren lassen. "Lushkow hat sich bei den Steuerzahlern bisher nicht bedankt", bemerkt Dorenko zum Abschluss der Sendung und wünscht mit maliziösem Lächeln "Alles Gute".