Leipzig

Die Haare hochgesteckt, den Kragen fest geschlossen - etwa 20 junge Damen haben sich im Seminarraum des Henriette-Goldschmidt-Hauses in Leipzig versammelt. Sie wollen einen Beruf erlernen und nicht, wie ihre Mütter, lebenslang an den heimischen Herd gefesselt sein. Ein knappes Jahrhundert ist es her, seit die Frauen auf dem Foto zu Kindergärtnerinnen ausgebildet wurden und damit in Anspruch nahmen, was die Namensgeberin des Hauses immer wieder forderte: das Recht der weiblichen Bevölkerung auf Erwerbstätigkeit. Für die Jüdin Henriette Goldschmidt, eine wichtige Streiterin der bürgerlichen Frauenbewegung und Gründerin der ersten Frauenhochschule Europas, war die Frauenfrage stets eine Kulturfrage. Und das ist sie in Leipzig bis heute geblieben.

Das Haus, in dem die angehenden Erzieherinnen vor der Kamera posierten und wo Henriette Goldschmidt lange gelebt hat, steht noch. Noch! Denn die meisten SPD- und CDU-Politiker Leipzigs wollen es schon lange weghaben. Warum? "Hier gibt es täglich Stau", sagt der Baubeigeordnete Engelbert Lütke Daldrup.

Frauengruppen setzen sich dagegen seit Jahren für ein Kulturzentrum im Goldschmidt-Haus ein und haben einen Finanzierungsplan vorgelegt, der die Stadtkasse nicht einmal belastet (ZEIT Nr. 33/99). "Die Frauen in Ostdeutschland sind die größten Verlierer der Wende und brauchen Förderung und Ermutigung im Sinne von Henriette Goldschmidt", sagt Inge Brüx. Unzählige Briefe und Anträge haben sie und ihre Mitstreiterinnen geschrieben, immer wieder demonstriert und es schließlich sogar mit Friedensgebeten versucht.

"Wir haben im Rathaus dauernd um eine Audienz gebeten", erzählt Inge Brüx spöttisch, es sei schwieriger gewesen als zu DDR-Zeiten.

Mitte Oktober kam der Bagger und räumte Bäume und Schutt aus dem Hinterhof, Hilfsarbeiter zersägten die Eichentür. Doch plötzlich stoppte die Arbeit.

"Auf Wunsch von Herrn Lütke Daldrup haben wir den Abriss ausgesetzt", begründet Eigentümer Thomas Schuchart. Kurz danach baten der parteilose Baubeigeordnete und SPD-Oberbürgermeister Wolfgang Tiefensee die kämpferischen Damen zum Gespräch und unterbreiteten ihnen einen Vorschlag: Die Fassade und Teile des Treppenhauses sollen auf Kosten der Stadt geborgen und eingelagert werden. Zwölf Meter zurückversetzt werde dann ein Neubau entstehen, der im Erdgeschoss den gleichen Grundriss haben soll wie das Henriette-Goldschmidt-Haus. Die alte Fassade werde davor gehängt, die Treppenhausteile eingefügt, versicherte das Stadtoberhaupt. Die Frauengruppen könnten sich im Parterre ausbreiten - zu ortsüblichem Mietpreis, versteht sich. Das sei doch nun wirklich ein guter Kompromiss, meinten die beiden Herren.