Noch eine Ankunft in der Berliner Republik: Das Goethe-Institut legt seine Jahresbilanz in den noch nicht ganz fertig gestellten Räumen der Bundespressekonferenz vor, im schicken neuen Verlautbarungspavillon der Regierung gegenüber dem Bahnhof Friedrichstraße. Generalsekretär Joachim Sartorius und Präsident Hilmar Hoffmann haben endlich Gelegenheit, sich "gut gerüstet", "mit Rückenwind" und von "Neugier und Optimismus gestärkt" zu präsentieren: Die Sparauflagen an das Institut sind in letzter Minute um elf Millionen erleichtert worden, und so müssen von der bereits bekannten Streichliste mit 18 Instituten nur noch zehn geschlossen werden. Das Geld, das die Lücke füllt, kommt per "Verpflichtungsermächtigung" vorab aus dem Haushalt des Jahres 2001.

Das ist nach all den Hiobsbotschaften der letzten Jahre - was ist man doch bescheiden geworden! - nun fast schon eine gute Nachricht. Aber so recht freuen mag man sich über den Etappensieg im Abwehrkampf dann doch nicht. Die Chefs des Instituts geben sich zwar zuversichtlich, dass der unverhoffte Gnadenakt sich bei der Beratung des nächsten Bundeshaushalts wiederholen werde: Es würden keine weiteren Schließungen nötig, sagt Hoffmann, wenn die gewährten elf Millionen künftig im Goethe-Etat zu "plafondieren" wären. Man weiß mittlerweile allerdings nicht mehr, ob ein Erfolg auf solchem Wege überhaupt wünschenswert ist. Denn auch mit dem Eichel-Sparplan, der bis 2003 reicht, werden die Rationalisierungsprogramme der öffentlichen Hand ja sicher nicht an ihr Ende gekommen sein. Und spätestens dann würde also das Gebarme und Gezerre von Jahr zu Jahr wieder weitergehen wie gehabt: Dem Bekanntwerden der neuen Sparauflagen folgt die Veröffentlichung der Streichliste darauf die obligate Empörung im Feuilleton Rücktrittsdrohung des Präsidenten engagiertes Antichambrieren des Staatsministers für Kultur beim Bundeskanzler und Außenminister schließlich bestenfalls die Gewährung einer weiteren "Verpflichtungsermächtigung" durch den Haushaltsausschuss des Bundestages, die dem I nstitut erlaubt, wieder auf den Etat der nächsten Saison zugreifen zu können. Im wirklichen Leben nennt man das: auf Pump leben.

Es ist nicht nur höchst unwürdig, eine bundesrepublikanische Errungenschaft wie das Goethe-Institut auf den Rang eines Bittstellers zu degradieren. Es ist auch politisch unklug, weil es die Verantwortlichen nur auf dumme Gedanken bringt: Wer seine Zeit mit kurzfristigen Maßnahmen und Tricksereien zubringen muss, um den Status quo zu erhalten, wird den allseits geforderten langfristigen und großräumigen Umbau der auswärtigen Kulturpolitik schuldig bleiben müssen. Hilmar Hoffmann, die unbestritten wichtigste Gründerfigur der nachkriegsdeutschen Kulturpolitik, sieht sich am Ende seiner Karriere mit 74 Jahren in die Rolle des großen Aufhalters gedrängt, der das Schlimmste zu verhindern sucht - dass es in seiner Amtszeit zu weiteren Schließungen im großen Stil kommt. Dass hinter diesem Übel, dessen Abwehr der ganze Kampf der letzten Jahre galt, freilich noch Schlimmeres lauern könnte, beginnt langsam vielen zu dämmern. Was soll werden, wenn eines Tages nicht mehr Hoffmann mit seinem in fünf erfolgreichen, expansiven Jahrzehnten erworbenen Drohgewicht an der Spitze steht? Das bekannte Spiel der wechselweisen Drohung mit staatlichem Rückzug beziehungsweise präsidialem Rücktritt wird sich dann nicht fortsetzen lassen.

Je ärmer die Institute, desto metaphysischer ihr Programm Es mangelt übrigens nicht an Grundsatzpapieren. Die letzte Novemberwoche in Berlin wimmelte nur so von "Leitlinien", "Positionspapieren" und "Konzeptionen". Am Montag hatten die Bundestagsfraktionen der SPD und der Grünen im Reichstag ein großes Palaver über die Zukunft der auswärtigen Kulturpolitik einberufen. Am Dienstag stellten die Goetheaner ihre 10 Thesen zur Rolle des Goethe-Instituts vor. Am Mittwoch erläuterte Joschka Fischer unter dem Titel Konzeption 2000 vor dem Kulturausschuss des Bundestages seine neuen Leitlinien für die künftige Auswärtige Kulturpolitik.

Wer sich durch den Wust von Absichtserklärungen und Forderungskatalogen wühlte, musste ein merkwürdiges Missverhältnis bemerken: Der neuen Bescheidenheit der auswärtigen Kulturpolitik im ganz handgreiflich materiellen Sinn entspricht die immer bombastischere Metaphysik der programmatischen Erklärungen. Es scheint unmöglich zu sein, über die Arbeit der Goethe-Institute zu reden, ohne den "Prozess der Globalisierung" in bedrohlich schillernden Farben zu malen, den "interkulturellen Dialog" als Allheilmittel zu beschwören und sodann mindestens die "Beförderung der Menschenrechte, der Demokratie und des Friedens" einzuklagen. Erhabene Konsensrhetorik dieser Art ist auf allen Seiten beliebt: In solcher qualligen Sprache kommen heute sowohl die Forderungen des Außenministers daher wie auch die selbstlegitimatorischen Versuche der Mittlerorganisationen, sich gegen weitere Zumutungen abzuschotten.

Dass die deutsche auswärtige Kulturpolitik dem "Dialogprinzip", den Menschenrechten und dem Frieden verpflichtet ist, sollte eigentlich eine Selbstverständlichkeit sein, über die weiter kein Wort zu verlieren ist.

Weder für die konkrete Programmarbeit noch für die notwendigen Strukturreformen folgt irgendetwas aus solchen Gratisbekenntnissen. Zu reden wäre stattdessen darüber, dass die Schere zwischen den steigenden Anforderungen und den schwindenden Mitteln der Kulturpolitik sich immer weiter öffnet. Des Außenministers Konzeption 2000 ist hierfür symptomatisch: Da heißt es einerseits lapidar, die "zunehmende Entstaatlichung vieler Lebensbereiche" führe "auch zu einem Abbau der vom Staat wahrzunehmenden Aufgaben bei der Kulturförderung": "Demzufolge gehören die ,fetten Jahre' stetiger Zuwächse im Kulturhaushalt der Vergangenheit an." Andererseits aber sei es "zentrale Aufgabe der kommenden Jahre ..., über politische und kulturelle Grenzen hinweg noch mehr Foren des Dialogs und globale Netzwerke aufzubauen, so Demokratie zu fördern und durch ein besseres Wissen voneinander und Verständnis füreinander Konflikten vorzubeugen".