Es ist tatsächlich kaum zu fassen: Peter Seeburg, Direktor am Max-Planck-Institut für medizinische Forschung in Heidelberg, gestand im April dieses Jahres bei einem Prozess um verletzte Patentrechte im Streitwert von über zwei Milliarden Mark, Daten gefälscht zu haben, und zwar vor 20 Jahren in den USA. Sein jetziger Arbeitgeber, die Max-Planck-Gesellschaft (MPG), setzte eine Kommission ein, die das wissenschaftliche Fehlverhalten untersuchen soll. Doch was seinem Ruf als Forscher schadete, das bringt Seeburg jetzt einen Geldsegen, als hätte er den Jackpot geknackt. Auch aufgrund seines Eingeständnisses endete der Patentstreit kürzlich mit einer gütlichen Einigung. Danach stehen dem 54-Jährigen rund 32 Millionen Mark zu.

Die Einigung sieht auch vor, dass künftig kein Betrugsvorwurf mehr erhoben wird und die Streithähne ihre "freundschaftlichen Beziehungen" weiter pflegen, als wäre nichts geschehen. Nur Geld muss fließen, insgesamt fast 400 Millionen Mark aus der Kasse von Genentech.

Rückblende: 1978 arbeitete Seeburg als junger Forscher an der University of California in San Francisco (UCSF). Dort gelang es ihm, einen wichtigen Teil des Gens für ein menschliches Wachstumshormon zu isolieren und in Bakterien zu übertragen - ein bedeutender Schritt auf dem Weg zur späteren Großproduktion dieses Hormons, das sich als Kassenschlager entpuppen sollte.

Der Biologe ließ seine gentechnisch veränderten Bakterien für die UCSF patentieren. Kurz danach zerstritt er sich mit seinem Laborleiter und wechselte zur Firma Genentech. Wenig später, am Silvesterabend, holte er sich aus dem Labor an der Uni seine Bakterien. "Das war kein Diebstahl", beteuert Seeburg heute. Damals hätte jeder Wissenschaftler seine Forschungsergebnisse als sein Eigentum betrachtet, ohne die möglichen Folgen zu bedenken. Das habe er wiederholt in Interviews dargelegt. Dennoch unterstelle ihm die Presse "Gen-Klau". Deswegen spreche er selbst nicht mehr mit Journalisten, das übernehme seine Heidelberger Anwaltskanzlei. Seiner weichen Stimme ist Verärgerung dabei kaum anzuhören. Seeburg bleibt nett und höflich, selbst beim Androhen einer Klage, sollte der Autor ihn ebenfalls des Diebstahls bezichtigen.

Genentech zahlte bereits vor Jahren rund vier Millionen Mark Entschädigung für die Bakterienkulturen, die Seeburg und ein anderer junger Wissenschaftler (Axel Ullrich, heute Direktor am Max-Planck-Institut für Biochemie in Martinsried) von der Uni zur Firma mitgebracht hatten. In einem Schreiben an die Untersuchungskommission der MPG nimmt die UCSF ihren ehemaligen Mitarbeiter in Schutz. Seeburg habe sich seinerzeit nicht ungebührlich verhalten wollen. 1978 habe die Kommerzialisierung der Biotechnologie gerade begonnen. Als erste Firma sei Genentech aus der akademischen Forschung hervorgegangen.

Den vermeintlichen Gen-Klau beleuchtete die Kommission nur am Rande. Sie sollte vor allem einen Fälschungsvorwurf klären. Bereits vor neun Jahren hatte die UCSF wegen Missachtung ihrer Patentrechte Genentech verklagt.

Seeburg wurde im April dieses Jahres als Zeuge geladen, und seine Ausführungen schlugen ein wie eine Bombe. Ja, er habe die mitgenommenen Bakterien von der UCSF bei Genentech genutzt, bekannte der Biologe unter Eid.