Es dauert fast achthundert Seiten, bis zum Epilog, ehe Robert Kurz sagt, was er will: Rebellion. Mehr als hundert Jahre hat es gedauert. Jetzt aber erfüllt sich die Lehre von Karl Marx. Der Kapitalismus zerstört sich selbst, weil er alles der Dreiheiligkeit von entfremdeter Arbeit, Geldeinkommen und Warenkonsum unterordnet. Es ist an uns, aufzustehen "gegen die kapitalistische Krisenverwaltung jeglicher Couleur mit ihrer trostlosen Perspektive von demokratischer Zwangsarbeit und Billiglohn-Sklaverei". Am besten sollte eine Massenbewegung gleich sämtliche Produktionsbetriebe, Verwaltungsinstitutionen und soziale Einrichtungen besetzen und eine Räterepublik installieren. Jawohl: "Räte" - "sich einfach versammeln und die Dinge in die eigene Hand nehmen". Mithilfe vernetzter Computer können alle Gesellschaftsmitglieder mitberaten.

Nur gut, dass der Kapitalismus diese Technik seinen Nachfahren noch schnell zur Verfügung gestellt hat.

Viel Vergnügen.

Man muss dieses Buch von hinten aufrollen, muss erst einmal diesen - aus Sicht des Autors durchaus konsequenten - Unfug vor Augen haben, bevor man an die Bewertung des Ganzen geht. Man könnte sonst versucht sein, das "opus magnum" (der Verlag) ernst zu nehmen. Denn die Kritik am Kapitalismus, wie er sich seit dem Mittelalter immer rasanter entwickelt hat, fördert Bedenkenswertes zutage. Indizien zeigen: Die Marktwirtschaft hat immer wieder die Tendenz, sich selbst den Boden unter den Füßen wegzuziehen.

Allerdings wird schnell klar, dass es hier nicht um differenzierte Kritik geht mit dem Ziel, die Gesellschaft lebenswerter zu machen. "Kapitalismus" wird deshalb auch gar nicht definiert. Er ist einfach alles, was das Abendland ausmacht - und daher auch für alles verantwortlich, für Kriege und Umweltfrevel, Hunger und allgemeine Dumpfheit. In der Welt nach Kurz ist die soziale Marktwirtschaft der Nachkriegszeit nur die Vollendung des Faschismus mit anderen, gemeineren Mitteln. Die Menschen wähnen sich frei, obwohl die Ökonomie ihnen noch den letzten Rest an Freiheit stiehlt. Ob Reagan, Haider oder Schröder/Blair: alles Demagogen und Imperialisten.

Selbst die sowjetische Staatswirtschaft war Kapitalismus pur. Denn auch die Möchtegernkommunisten richteten sich in Wahrheit nach dem Diktat des warenproduzierenden Weltsystems - und wollten nach dessen Kriterien den Westen übertrumpfen. Sie sind blindlings in die Falle gelaufen.

Wer das nicht sah und sieht, der kann Kurz nur leid tun. Wie Hannah Arendt zum Beispiel, die angeblich in ihrer Fixiertheit auf die Gräuel des Faschismus den Totalitarismus von Marktwirtschaft und Demokratie übersehen hat; ihre Anklage gegen totalitäre Bewegungen sei daher unbewusste Selbstverurteilung. Eine üble Anmaßung.