Als vor ein paar Jahren das Schwarzbuch des Kommunismus erschien, gab es gereizte Stimmen, die ein Schwarzbuch des Kapitalismus forderten. Jetzt haben wir es. Allerdings macht Robert Kurz deutlich, dass seine wirtschafts- und sozialgeschichtliche Rekonstruktion des Kapitalismus nicht den Zweck verfolgt, die Verbrechen des Kommunismus im Schatten derer des Kapitalismus verschwinden zu lassen oder sie wenigstens zu relativieren. Vielmehr kommt Kurz in einem zentralen Abschnitt seines Buches zu dem für manche Leute vielleicht schockierenden Befund, dass der Kommunismus lediglich ein Wechselbalg des Kapitalismus war, ein nachholender Industrialismus unter roter Schminke.

Am Anfang aller neuzeitlichen Menschenschinderei stand ohne Zweifel der Kapitalismus. Sein bis heute nicht abgeschlossenes "Modernisierungsprogramm", das alle Bereiche der Gesellschaft monetarisierte und der Logik des Marktes unterwarf, machte aus Individuen Marktteilnehmer, aus Produzenten Lohnabhängige, aus Menschen "Material" für den Verwertungsprozess des Kapitals. Wer diesem Programm nicht folgen konnte oder wollte, fiel aus der Gesellschaft, buchstäblich als Überflüssiger, heraus. Das ist heute, im Zeitalter des Kasinokapitalismus mit seiner beschleunigten Massenproduktion von unbrauchbarem "Menschenmaterial" nicht anders als vor 200 Jahren.

Es kann kein Zweifel bestehen, und die von Kurz herangezogenen Quellen belegen es erdrückend, dass der Tanz um das Goldene Kalb, von dem französischen Historiker Jules Michelet schon vor 140 Jahren als "schreckliche Krankheit" gegeißelt, für die Bevölkerungsmehrheit in den kapitalistischen Zentren einen massiven ökonomischen und sozialen Abstieg, vielfach Hunger und absolutes Elend bedeutete. Von den verheerenden Auswirkungen auf die kapitalistische Peripherie, auf Asien, Afrika und Lateinamerika, zu schweigen. Die Dritte Welt der Armut, des Hungers, der Seuchen, der Kindersterblichkeit, der Übervölkerung und Massenmigrationen ist ein genuines Produkt des modernen Kapitalismus. Alle Indikatoren sprechen dafür, dass die Menschen etwa in Afrika vor der kapitalistischen Invasion besser und auskömmlicher existieren konnten als heute, da der Kontinent im Dreck des reichen Westens versinkt.

Zu den wichtigsten, allerdings gern verdrängten Erkenntnissen, die das Schwarzbuch Kapitalismus bietet, gehört, dass es immer nur relativ kurze Phasen waren, in denen ein expandierender Kapitalismus so etwas wie Massenwohlstand hervorbrachte, und das auch das nur in Westeuropa, Angloamerika und Japan.

Seitdem der fordistische Boom - von Kurz im Kapitel über die "totale Mobilmachung" der Autogesellschaft eindrucksvoll illustriert - seinen letzten Seufzer getan hat, also seit Mitte der siebziger Jahre, ist deutlich geworden, dass das alte Erhardsche Versprechen "Wohlstand für alle" peu à peu kassiert wird. Von "Vollbeschäftigung" kann schon lange keine Rede mehr sein; vielmehr sind Unter- und Nichtbeschäftigung für immer größere Bevölkerungsteile an der Tagesordnung und werden es im 21. Jahrhundert noch mehr sein. Nicht nur in den USA geht schon bei den Mittelschichten die nackte Angst um. Die Realeinkommen der Normalverdiener stagnieren seit Jahren oder sinken, während der privilegierte Kreis der kapitalistischen Funktionseliten sich immer schamloser bereichert. Alle heutigen Erhebungen und Statistiken plaudern aus, dass die Kluft zwischen Arm und Reich stetig wächst, und zwar sowohl innerhalb der kapitalistischen Metropolen als auch global im Nord-Süd-Verhältnis.

Mit der dritten industriellen, der mikroelektronischen Revolution, die gemäß betriebswirtschaftlichen Rentabilitätsprinzipien ganze Arbeitspopulationen "freisetzt" und zu "unnützen Essern" degradiert, gelangt der Kapitalismus zusehends an eine historische Schranke - die Geldmaschine hat kein "Material" mehr, das sie verschlingen könnte, seitdem sie Menschen als Produzenten nicht mehr braucht und seitdem die natürlichen Ressourcen weitgehend vernutzt und das globale Ökosystem irreversibel geschädigt ist. Der Kapitalismus kann nur noch an seiner Selbstsprengung laborieren. In ihrer Verzweiflung darüber, dass das Geld arbeitslos wird, lassen es die Shareholder in reiner Selbstbezüglichkeit um den Erdball vagabundieren, um dergestalt "Wertsteigerungen" zu realisieren, die völlig fiktiv, im Wortsinne gegenstandslos sind. Den Zusammenbruch dieses überhitzten spekulativen Systems werden wir alle auszubaden haben.

Das Schwarzbuch Kapitalismus, mit dem Robert Kurz ein großer Wurf, ein wahrhaft notwendiger Protest gelungen ist, richtet sich an alle, die noch nicht gänzlich "verhausschweint" sind und das totalitär gewordene kapitalistische Konkurrenzsystem zu ihrer privaten Innenausstattung gemacht haben. Es beschwört solidarische Formen der Vergesellschaftung jenseits der schwarzen Utopie des totalen Marktes, des tödlichen Konkurrenzkampfs aller gegen alle und der törichten Ideologie der "Selbstverwirklichung". Eine Gesellschaft atomisierter Einzelner, beziehungsloser Sozialmonaden, in welcher jeder seines eigenen Unglücks Schmied sein muss, ist nicht überlebensfähig. Wir brauchen, schrieb jüngst der Ethnologe Hans Peter Duerr, "eine neue, einfachere und ruhigere Zivilisation", die mit dem leeren, ziellosen Dynamismus des Kapitalismus bricht, indem sie sich auf die humane Unvereinbarkeit des Menschen mit den Gesetzen des entfesselten Marktes besinnt. Andernfalls droht uns jenes Schicksal, das der französische Schriftsteller Michel Houellebecq in seinem Roman Elementarteilchen mit unerbittlicher Schärfe auf die Leinwand unserer Zukunft projiziert hat: dass wir an unserer Vereinzelung krepieren, jeder für sich.