Oberst Ionel Boeru sieht aus, als ob er stets zwei Fallschirme braucht. Ein Bulle von Kerl, der noch immer auf seine Muskeln bauen kann. Ein guter Kumpel, der solide und selbstsicher erzählt und doch innere Unruhe verrät.

Höflich fragt er, ob er rauchen darf. Er fragt immer öfter, je weiter ihn die Erinnerung treibt. Wenn er die Einzelheiten mit seinem fotomechanischen Gedächtnis ganz genau heranholt, schließt er die Augen.

Ja, das war in der Nacht vom 16. auf den 17. Dezember 1989. Da traf um drei Uhr das Blitztelegramm im Örtchen Moinest in der Moldauregion ein. Alarm! Der Fallschirmjäger-Hauptmann musste den Urlaub bei den Eltern sofort abbrechen.

Der Großvater, der jede Nacht Radio Freies Europa hörte, wusste schon: "In Temesvár ist die Hölle los!" Der Zug ging um 9 Uhr. Er schwirrte vor Gerüchten. Bei seiner Fallschirmjäger-Einheit in Boteni zwischen Bukarest und Tîrgoviste gab es bereits Kampfbereitschaft. Der Hauptmann wurde umquartiert.

Zur Bewachung der Lagerhalle direkt an der Landepiste. Dort konnte man rauchen, trinken, Radio Freies Europa hören.

In seinem Depot hörte Hauptmann Boeru auch vom Tod des Verteidigungsministers. Der rumänische Rundfunk meldete am Vormittag des 22. Dezembers: "Der Verräter Vasile Milea entzog sich der Verantwortung durch Selbstmord." Das konnte nicht wahr sein. Der nicht! Der war knochenhart, aber ein ganzer Kerl. Den hatten sie bestimmt umgelegt. Weil er nicht für Ceausescu auf die Bevölkerung schießen wollte. Boerus rasender Gedankenfluss wurde unterbrochen. Vor der Lagerhalle überschlugen sich die Stimmen. Alle Piloten hatten ihre Posten verlassen. Voller Empörung wollten sie zur Kommandantur. Sie blieben vor dem einzigen Fernseher der Einheit, einem Schwarzweißgerät, hängen.

Gerade kam das zuvor unterbrochene Programm wieder. Der junge Schriftsteller und legendäre Dissident Mircea Dinescu verkündete aus einem wilden Menschenpulk im Fernsehstudio: "Rumänen, wir sind frei! Der Diktator ist geflohen. Gott hat uns sein Antlitz wieder zugewandt!" Eine halbe Stunde später wandte sich das zentrale Fernsehen direkt an die Fallschirmjäger von Boteni: "Ceausescu ist im Anflug auf euren Standort. Verhaftet ihn!" Die Vorgesetzten ließen sofort ausrücken.

Boerus rundes Gesicht mit dem dünnen Schnäuzer überzieht ein wehmütiges Lächeln: "Mein Freund Liviu Liwache war so aufgeregt, dass er seine Munition vergaß. Ich lieh ihm Patronen für seine Carpati-Pistole. Du wirst von Liviu noch hören." Der Hauptmann, auch als Artillerist ausgebildet, brachte am Südende der Landebahn ein schweres MG in Stellung. "Ich war fest entschlossen, jeden weißen Hubschrauber sofort runterzuholen." Er kam nicht dazu. Boeru musste bei klarem Wetter zusehen, wie Ceausescus weißer Dauphin sechs Kilometer vor der Piste landete. Von dort holperte ein Dacia über einen Feldweg zur Straße in Richtung Tîrgoviste, der Bezirkshauptstadt mit knapp 100.000 Einwohnern: "Da war er drin!"

Es kam ein neuer Einsatzbefehl. Der größte Teil der Einheit wurde nach Bukarest abkommandiert, um Fernsehen, Radio und öffentliche Gebäude vor Ceausescus Spezialeinheiten zu schützen, die nun als "Terroristen" überall lauern sollten. Boeru blieb, um den Standort zu sichern. Auch dort wurde geschossen wer etwas sah oder hörte, ballerte drauflos. Am Abend des 24. Dezembers erfuhr Ionel Boeru, dass sein Freund Liviu Liwache in Bukarest gefallen war.

Am nächsten Morgen brauchte der Kommandeur acht Mann für eine Sondermission.