Wir sind in al-Kharrar, einem staubtrockenen, einsamen Wadi in Jordanien, wenige Kilometer von dort entfernt, wo der Jordan ins Tote Meer fließt. Unter einem Schatten spendenden Schilfdach haben wir uns, wie die Gemeinde um ihren Prediger, um Mohammad Waheeb geschart. Mohammad Waheeb ist der Leiter eines jordanischen Archäologenteams. Er will uns erzählen, wie es ihnen gelang, die Taufstelle Johannes' des Täufers ausfindig zu machen. Warum er so sicher sei, dass zwischen den archäologischen Funden in diesem Wadi und der Taufstelle ein Zusammenhang bestehe, fragen wir.

Lächelnd zieht der Muslim Mohammad Waheeb ein Buch aus der Tasche und hält es hoch: Es ist eine Bibel. Er schlägt Johannes 1,28 auf, jene Stelle, in der über die Taufe Jesu berichtet wird. "Dies geschah in Bethanien, jenseits des Jordans, wo Johannes taufte", liest er vor. Und sagt, mit einer weit ausholenden Armbewegung: "Hier, wo wir stehen, hier rundum befand sich das biblische Bethanien."

Dass es sich tatsächlich um die Reste des biblischen Bethaniens handelt, schließen die Forscher auch aus frühen Chroniken und Reiseberichten wie denen von Petrus dem Iberer und der galizischen Nonne Aetheria. Beide beschreiben den Pilgerweg, der vom 4. bis zum 6. Jahrhundert von Jerusalem über den Jordan zum Berg Nebo führte, zu jener Anhöhe, von wo aus Moses das Gelobte Land erblickt haben soll. Auf dieser Route muss es zu damaliger Zeit einen regelrechten Run der Gläubigen gegeben haben. Ausgelöst wurde er von Helena, der Mutter des zum Christentum bekehrten römischen Kaisers Konstantin, die im Jahre 326 das Heilige Land beiderseits des Jordans bereiste und damit zu einer Art Trendsetterin für die Frommen ihrer Zeit wurde.

Jedenfalls: Eine wichtige Station auf diesem damals so beliebten Pilgerweg hieß Bethanien. Das bestätigen auch die jetzt gemachten Funde. Vom Elijah-Hügel bis zum Ufer des Jordans wurden die Fundamente von Kirchen, Klöstern und Pilgerunterkünften freigelegt. Außerdem drei gepflasterte Becken aus jener Zeit, so groß wie Swimming-Pools. Offenkundig wurden hier viele Menschen gleichzeitig, im Wasser stehend, getauft. Auf Landkarten ist derzeit weder das historische Bethanien zu finden noch das kleine Wadi al-Kharrar, in dessen südlichen Ausläufern der Grabungsort liegt. Das wird sich gewiss ändern, wenn im Mai nächsten Jahres die ersten Besuchergruppen eintreffen. Dass die neue Touristenattraktion genügend Publicity erhält, dafür wurde von langer Hand und von höchster Stelle gesorgt. Denn im Millenniumsjahr will Jordanien unmissverständlich klarmachen, dass es von jeher ein Teil Palästinas und somit des Heiligen Landes gewesen ist.

Das ganze Gebiet musste erst von Minen befreit werden

Zur Förderung des Projekts Bethanien wurde eigens eine königliche Kommission ins Leben gerufen. Und jeden Freitag lässt sich der Minister für Tourismus und Archäologie, Akel Biltaji, vom hoch gelegenen Amman herunter ins heiße Jordantal fahren, um den Fortgang der Grabungen in Augenschein zu nehmen. Und - der Ingenieur des Teams, Rustum Mikrijan, sagt es mit einem spöttischen Lächeln - "to push us".

Beim letzten Besuch hat Seine Exzellenz dem Ingenieur eine weiße Schildmütze geschenkt. Das Label darauf ist Programm: "Jordan. The Land & The River of the Baptism. 2000 A.D." Der agile Minister, ein weltläufiger Mann, mit den Methoden modernen Marketings bestens vertraut, ist um eingängige Slogans nie verlegen. "Christus mag in Bethlehem geboren sein", verkündete er jüngst, "doch das Christentum wurde hier am Jordan geboren." Und wiederholt versichert er, dass an dieser Stelle kein Themenpark der üblichen Art entstehe. Man bemühe sich, die spirituelle Atmosphäre dieses Ortes zu erhalten, der für Juden, Muslime und Christen gleichermaßen von Bedeutung sei.