Fast 2500 Jahre lang hat das abendländische Denken behauptet, philosophieren heiße sterben lernen. Termingerecht zum Beginn des dritten Jahrtausends scheint sich die Szene bedeutend zu lichten. Denn nun steht statt des Todes die Geburt auf der philosophischen Tagesordnung. Die Natalität, die "Gebürtlichkeit", läuft der Mortalität, dem "Sein zum Tode", derzeit so deutlich den Rang ab, dass eine ganze neue Disziplin nach ihrem Namen verlangt: als Pendant zur philosophischen Todeslehre, der "Thanatologie", die "Natalistik" oder, noch schöner, die "Natologie". Die Machtergreifung der Bio-, der Gentechnologie ist der Anlass.

Wie üblich im Zeitalter der globalen technischen Mobilmachung, hechelt die Philosophie den technokratischen Machern verzweifelt hinterher. Sie soll nicht bloß ins Leben, das "natürliche" Leben, eingreifen, womit sie seit je überfordert war. Jetzt soll sie sich auch noch mit dem "unnatürlichen", dem technisch manipulierten und produzierten, Leben herumschlagen. Aber vielleicht kommt ihre notorische Bedenklichkeit zustatten, ihre Vitalitätshemmung: für eine Kritik der generativen Vernunft.

Die Menschen werden ohne ihre Einwilligung geboren

Das Leben ein Geschenk, die Welt ein Licht, Schöpfung, Zeugung, Geburt ein einziger Sonnenaufgang - das waren indessen Daseinsmetaphern, die mit der Beschaffenheit des leidbehafteten sterblichen Lebens nur begrenzt harmonierten. Deswegen folgte schon in der Genesis der Paradiesverlust mit atemberaubendem Tempo der Schöpfungsgeschichte nach. Und an den Prediger Salomo und den noch nicht wieder zu Kreuze gekrochenen Hiob konnte die Moderne anschließen, als sie im Prozess der Theodizee ihre Fragezeichen nicht nur hinter die "beste aller möglichen Welten", sondern auch das "Geschenk des Lebens" setzte.

Ihre "pessimistischen" oder gar "nihilistischen" Einschätzungen muss man nicht teilen. Aber auch der gesündeste Menschenverstand kann nicht daran vorbei, dass den Ungeborenen unter keinen Umständen etwas fehlt, weil ihnen gar nichts fehlen kann. Deswegen ist für eine Kritik der generativen Vernunft allemal das "ob überhaupt" infrage gestellt.

Seit der Entdeckung einer präventiven Geburtenkontrolle, die weder unter dem Verdikt der Abtreibung steht noch dank der Abkoppelung der sexuellen Lust von der Fortpflanzung unter einem aufgedrängten Verzicht leidet, ist es möglich, diese Frage uneingeschränkt und repressionsfrei zu stellen. Aber eine "positivistische" Ideologie (im umfassenderen Sinn des Wortes) stellt den Schaffern und Machern lieber ihre Unbedenklichkeitsatteste aus. Der Rechtsphilosoph Reinhard Merkel hat in seiner Habermas-Kritik in der ZEIT vom 5. März 1998 ein signifikantes Beispiel dafür gegeben: Für ihn verflüchtigt sich jeder angebliche Schaden, etwa der eines geklont "produzierten" Menschen, "zur Schimäre, ja erweist sich geradezu als buchstäblich existentielle Wohltat", weil der Geklonte "genau diesem, schädigenden' Akt seine Existenz verdankt".

Durch Schaden wird man klug? Nein, durch Schaden wird man überhaupt! "Man frage dereinst einen der künftigen Klon-Menschen, ob er lieber nicht geklont worden wäre. Er wird die Frage als Zumutung zurückweisen." In der Tat, ein Geklonter jedenfalls. Selbst der entschlossenste "Positivismus", dem der Geschenkcharakter des Lebens eine ausgemachte Sache ist, muss indessen einräumen, dass die "Gebürtigen" (Hannah Arendt) es ungefragt erhalten. Und gerade dem geschenkten Gaul schaut man am meisten ins Maul. Die Kritik der generativen Vernunft kann hier mit Fug und Recht von einem Diktat der Geburt sprechen.