An der Schwelle zum neuen Jahrtausend herrscht Endzeitstimmung. Je näher die magische Zahl 2000 rückte, umso lauter beteiligten sich sonst eher besonnene Gemüter am "Global-Talk". Visionen haben Hochkonjunktur. Erst recht Prognosen für das nächste Jahrtausend. Was in unserer unmittelbaren Nachbarschaft geschieht, wirkt hingegen fad und belanglos; alles Lebenswichtige scheint sich in der globalen Sphäre abzuspielen. Vorausgesetzt, wir schaffen uns die provinziellen Balkan-Kriege vom Hals.

Nun habe ich aber Vorbehalte gegen Aussagen, die immer gleich die ganze Welt umspannen. Von globalen Themen zu reden kommt mir allzu uferlos und unbestimmt vor, gelegentlich auch zu eskapistisch. Andererseits kann es ebenso eskapistisch sein, diesen Themen aus dem Weg zu gehen. Daher steht für mich am Anfang der Überlegungen über die Zukunft der Demokratie die Frage: Kann die Menschheit eine Gesellschaft bilden, die frei von institutioneller Demütigung ist? Oder, anders gefragt: Kann die Menschheit im Ganzen eine anständige Gesellschaft (eine decent society) bilden?

Unter "Demütigung" verstehe ich nicht einfach nur die soziale Degradierung eines Menschen vor sich selbst oder in den Augen anderer, sondern seine Herabsetzung als Mensch, in seinem Menschsein. Beispiele für Demütigung im fundamentalen Sinn - im Sinne der Verletzung der Menschenwürde - wären etwa, wenn Menschen wie Maschinen, wie "Nummern", wie Tiere, als Untermenschen oder ewig unmündige Kinder behandelt werden. Daher lautet meine Frage in einer dritten Formulierung: Ist es möglich und wünschenswert, dass die Menschheit als Ganzes eine nichtdemütigende Gesellschaft bildet?

Zugegeben, die Frage, ob die Menschheit jedes ihrer Mitglieder als menschliches Wesen behandeln sollte, hat etwas Tautologisches. Denn wie sonst sollte die Menschheit ihre einzelnen Mitglieder behandeln? Aber der Eindruck einer Tautologie täuscht. Die Menschheit ist nämlich keine Gesellschaft; die Individuen, die jenes Aggregat bilden, das wir "Menschheit" nennen, interagieren nicht systematisch genug, um eine Gesellschaft mit staatsähnlichen Institutionen zu sein. Gewiss, es bestehen umfassende internationale Beziehungen, expandierende transnationale Beziehungen und demokratische Organisationen; kosmopolitische Realitäten und Organisationen existieren jedoch nicht. Wer also vorschlägt, die Menschheit in eine anständige Gesellschaft zu verwandeln, will das Pferd beim Schwanz aufzäumen. Richtig herum lautet die Frage: Sollten wir die Menschheit in eine Gesellschaft mit voll ausgebildeten globalen Institutionen verwandeln? Sollen wir uns auf den Weg zu einer Weltgesellschaft machen?

Für diesen Vorschlag gibt es ein gutes Argument: Um die Menschenwürde zu gewährleisten und die Welt von der Demütigung zu befreien, sollte eine politische Gesellschaft gegründet werden, die auf der einzig moralisch relevanten Eigenschaft aufbaut, nämlich der, Mensch zu sein. Nur die ganze Menschheit ist eine Gesellschaft, die diese Bedingung erfüllt; Etikettierungen hingegen, die nur auf bestimmte Segmente der Menschheit zutreffen, wie Tutsi (Volksstamm), das Proletariat (Klasse), die Serben (Nation) und die Schiiten (Religionsgemeinschaft), fördern Konflikte. Aus politischen Etikettierungen wird dann leicht die Unterscheidung zwischen Freund und Feind. Wie schnell solche Etikettierungen zu Entmenschlichung und Dämonisierung führen, hat sich in Serbien und in Osttimor gezeigt. Dagegen scheint die Gründung einer Gesellschaft zwingend zu sein, die mit einem Etikett auskommt, das für alle gilt und niemanden ausschließt: Mensch zu sein. Und das einzige Etikett, das zur Zugehörigkeit zum Commonwealth des Menschen berechtigt, wäre damit auch jenes, das die anständige Gesellschaft zu schützen versucht, eben: Mensch zu sein.

Man sieht, es besteht eine fundamentale Beziehung zwischen der Idee einer anständigen Gesellschaft als einer nichtdemütigenden und der Idee einer demokratischen Weltgesellschaft, der alle Menschen angehören - einfach, weil sie Menschen sind.

Die These, dass nur die Menschheit als Ganzes einen Schutz gegen Demütigung bieten kann, erfordert allerdings noch einige Zusatzannahmen. Denn eine Ideologie, die an die "wahre" Menschheit appelliert, kann reale Menschen als Parasiten, gleichsam als Untermenschen, aus dem Kreis der Menschheit ausschließen. Dafür ist der Bolschewismus ein Beispiel; er war eine universalistische Ideologie, die im Namen der "wahren" Menschheit - beispielhaft verkörpert in der Arbeiterklasse - auftrat. Wenn wir verhindern wollen, dass aus der Menschheit einige als Nichtmenschen ausgeschlossen werden, sollten wir die Menschheit nicht zum Ideal erheben, sondern einfach nur so betrachten, wie sie ist. Denn wo die Vorstellung vom Übermenschen herrscht, gibt es auch Untermenschen.