Wer in diesen Tagen nach Genf reist, um Bernhard Bertossa zu treffen, braucht wenig Zeit. Der Generalstaatsanwalt redet nicht viel, jedenfalls nicht, sobald das Wort "Leuna" fällt. Dann verweist er auf das "laufende Verfahren" und seine "Amtspflichten". Nur so viel sagt er: "Vielleicht hat den Kollegen in Deutschland bisher die nötige Neugierde gefehlt."

Leuna liegt bekanntlich in Deutschland. Aber nur in Genf und Paris liefen in den vergangenen drei Jahren die Ermittlungen in der Affäre um die Privatisierung der ehemaligen DDR-Raffinerie. Wegen Betrugs, Veruntreuung und Geldwäsche steht seither eine Phalanx von Managern und Industrieberatern sowie einzelne Politikern unter Verdacht.

Bertossa tat, was er aus der Schweiz tun konnte. Anfang Dezember erbat er Rechtshilfe von den deutschen Kollegen. Um sein Ersuchen zu begründen, lieferte er Ermittlungsmaterial, insbesondere Belege über Geldbewegungen. Da konnten die Kollegen nicht mehr anders. Seit dem Wochenende ist klar: Jetzt ermitteln sie selbstständig. Allerdings, sagt der Augsburger Oberstaatsanwalt Alexander Nemetz, sei der Leuna-Komplex nur "ein Teilaspekt in einem Randbereich unserer Gesamtermittlungen".

Immerhin. Leuna ist für die deutsche Justiz jetzt ein Fall geworden. Der Oberstaatsanwalt sagt es so: "Wir klären einen Anfangsverdacht, den wir allerdings bejahen." Er richte sich "gegen eine Person, die auch in die Panzeraffäre involviert ist".

Wer kann das sein? Es gibt zwei Deutsche, die in beiden Stücken auftreten: Walther Leisler Kiep, ehemaliger Schatzmeister der CDU, und Holger Pfahls, CSU-Mitglied, einst Verfassungsschutzpräsident und Staatssekretär im Verteidigungsministerium. Gegen beide wurde Haftbefehl erlassen, Kiep kam gegen Kaution frei, Pfahls ist untergetaucht. Im Fall Leuna traten beide als Vermittler für den Käufer auf, das Konsortium des französischen Konzerns Elf Aquitaine. Was haben sie vermittelt? Und auf wessen Rechnung? Zu wessen Gunsten?

Nicht nur dieselben Personen treten in beiden Affären auf. Die Finanzströme sind nach demselben System verzweigt. Über Briefkastenfirmen in der Schweiz und in Liechtenstein wird das Geld geleitet. Dann treten in beiden Fällen Schweizer Stiftungen als weitere Buchungsstelle auf. Ohne den Düsseldorfer Thyssen-Konzern kommt keine der beiden Affären aus, im einen Fall als Panzerlieferant, im anderen als Partner im Leuna-Konsortium. Und schließlich ist der Verlust von Akten zu beklagen. Seit dem Wochenende weiß die Republik, dass Leuna-Unterlagen aus Helmut Kohls Kanzleramt fehlen; Aktenzeichen gibt es, die dazugehörenden Papiere über die politischen Besprechungen fehlen. Merkwürdigerweise muss auch die Kohl/Kiep-Affäre mit einem unvollständigen Aktenbestand auskommen. Die CDU sucht seit Wochen diverse Buchungsbelege aus den neunziger Jahren.

Eines freilich unterscheidet beide Affären. Der Vermittler des Panzergeschäfts übergab CDU-Schatzmeister Kiep eine Million Mark in bar als Spende, aus welchem Grund auch immer. Im Fall Leuna ist bis heute nicht bekannt, wer welche Provision, Vergütung, Kommission, Courtage oder Ähnliches erhalten hat. Und ob im Zusammenhang mit dem Geschäft eine politische Partei mit einer Spende bedacht wurde.

Auf einer Fläche von 400 Fußballfeldern verwandelt Europas modernste Raffinerie jährlich fast zehn Millionen Tonnen Rohöl in Methanol, Flüssiggas, Benzin, Diesel und leichtes Heizöl - elektronisch gesteuert und umweltschonend. 2550 Menschen arbeiten in der Anlage, die knapp fünf Milliarden Mark kostete und 1997 angefahren wurde. Zusammen mit den verarbeitenden Betrieben sind 10 000 Arbeitsplätze entstanden.

"Leuna 2000" ist eine der größten Investitionen in Ostdeutschland - und ein Lehrstück über die politisch gelenkte Rettung einer Industrieregion. Die letzte DDR-Regierung hielt die Leuna-Werke Walter Ulbricht, mit 27 000 Beschäftigten das größte Chemiekombinat, für nicht sanierungsfähig. Die Anlagen waren museumsreif, die Umweltschäden gigantisch. So sah es überall aus im Chemiedreieck zwischen Leuna, Halle und Bitterfeld. Der ganzen Region drohte der Kollaps.

Da nahte der Retter. Bundeskanzler Helmut Kohl versprach den Arbeitern eine blühende Chemielandschaft. Im Leunaer Clubhaus sprach er 1991 das erlösende Wort: Bestandsgarantie. Der historische Standort, von der BASF 1916 als Produktionsstätte für Sprengstoff auserkoren, werde erhalten bleiben. Seinen Freund François Mitterrand gewann er für die Idee, in Leuna der deutsch-französischen Freundschaft ein Denkmal zu setzen. Der französische Präsident nahm den Staatsmulti Elf Aquitaine in die Pflicht, sich zu bewerben.

Der Name Elf Aquitaine war schon damals verbunden mit einer Reihe fragwürdiger Geschäfte - und ist es heute noch. Er steht bei französischen Staatsanwälten auf vielen Aktendeckeln. Reichlich sollen sich Elf-Manager jahrelang aus der Firmenkasse bedient haben. Offenbar auch der Chef. Ein Dutzend Verfahren sind gegen Loïk Le Floch-Prigent anhängig, zum Zeitpunkt der Leuna-Privatisierung Elf-Präsident.

Politisch brisanter ist, dass Elf reihenweise Spitzenpolitiker schmierte. Bestechung gehörte im Konzern offenbar zur Unternehmenskultur. Allein 180 Millionen Mark sollen in den neunziger Jahren afrikanische Staatschefs erhalten haben. Der Präsident von Gabun zählte dazu, es ging um Bohrkonzessionen. In Frankreich haben die Ermittlungen gegen Elf bereits eine Staatsaffäre ausgelöst. Seit dem vergangenen Jahr ist der frühere Außenminister Roland Dumas unter Verdacht. Auf seinem Konto fanden sich unerklärliche Zahlungseingänge von mehreren hunderttausend Franc.

Den Kauf der Leuna-Werke wickelt Elf nach einem Muster ab, das aus früheren fragwürdigen Geschäften bekannt ist. So verläuft die Geschäftsanbahnung im Fall Leuna zweigleisig. Obwohl ein Staatspräsident und ein Bundeskanzler dem Geschäft schon ihren Segen gegeben haben, sichert Elf sein Angebot wie üblich ab. Strohmänner richten Konten ein, mindestens eine Scheinfirma wird gegründet, eine Riege bewährter Berater geheuert.

Obwohl er nur ein Berater des Elf-Konzerns ist, avanciert ein Mann namens Hubert Le Blanc Belleveaux zum Hauptverhandlungsführer. Belleveaux, ein ehemaliger Wahlkampfmanager der französischen Konservativen, wirbt am 21. September 1991 mündlich den Korsen André Guelfi an, einen Geheimdienstkollegen aus früheren Tagen. Die bei-den verabreden einen "Lobbying-Vertrag". Guelfis Liechtensteiner Firma Nobleplac soll, um Geldströme durch Grenzüberschreitung zu verschleiern, als Zwischenstation dienen. Chefunterhändler Belleveaux sichert sich derweil die Dienste eines diskreten Machers, seines deutschen Duzfreundes Dieter Holzer. Den Geschäftsmann mit Wohn- und Geschäftssitz in Monaco, Villen in Paris und Häusern in Berlin zeichnet vor allem eines aus: detailliertes Wissen über die Steuerparadiese dieser Welt und beste Verbindungen zur Führungsebene der deutschen Unionsparteien.

Holzer fällt auf, dass eine Vertraute von Helmut Kohl gerade einen Job sucht und nützlich sein kann. Agnes Hürland-Büning, gerade als Parlamentarische Staatssekretärin aus dem Verteidigungsministerium ausgeschieden, schließt am 24. April 1991 mit Holzers Firma Delta International einen Beratervertrag. Als "Industrieberaterin für internationale Großunternehmen" verpflichtet sich die Kohl-Vertraute, die Hälfte ihrer Provisionen als "Finder's Fee" an Delta International abzuführen - eine erstaunlich großzügige Courtage. Aus diesem bemerkenswerten Vertrag zitiert der Spiegel, einige Wochen nachdem die ehemalige Staatssekretärin die Existenz des Schriftstücks bestritten hatte.

Eines der internationalen Großunternehmen, das Agnes Hürland-Büning bald berät, heißt Thyssen - jener Konzern, der sich 1991 wegen des Leuna-Geschäfts mit Elf zu einem Konsortium namens TED zusammenschließt. Die Konsortialpartner versprechen einander, die Kosten zu teilen. Auch die außergewöhnlichen Kosten.

Für das Elf-Konsortium geht es in den Verhandlungen darum, die Bedingungen für die Übernahme der unattraktiven Leuna-Raffinerie zu verbessern. Zuschüsse sollen her, Subventionen in Milliardenhöhe, Staatsbürgschaften, Preisnachlässe, Zinssonderkonditionen. Davon gilt es die Verhandlungspartner zu überzeugen. Die Frage ist nun: Mit welchen Mitteln? War der politische Wille der Verantwortlichen in Deutschland so groß, dass sie am Ende jeder Bedingung des Investors zustimmten? Oder kaufte der Konzern sich Elf-Freunde?

Selbst als im Januar 1992 der Vorvertrag abgeschlossen ist, tauchen immer neue Probleme auf. Die Garantie des Kanzlers für den Standort Leuna und die Begeisterung über das größte deutsch-französische Investitionsprojekt seit 1945 können die Schwierigkeiten nicht überdecken. Die versucht nun der Berater Dieter Holzer zu lösen. Immer ist er zur Stelle, wenn es irgendwo klemmt, drei Jahre lang. Notfalls nutzt er den kleinen Dienstweg - direkt zum Kanzler. "Sehr geehrter Herr Bundeskanzler, lieber Helmut Kohl", beginnt mindestens einer seiner Briefe.

Bewegen sich die Ministerien für Wirtschaft, Finanzen oder Verkehr nicht schnell genug in die gewünschte Richtung, droht Holzer schon mal namens der Konzernspitze von Elf mit Rückzug aus dem Geschäft. Nur eine prompte Reaktion, schreibt Holzer am 5. Oktober 1992 an Finanzstaatssekretär Manfred Carstens, "würde das Schlimmste" verhindern. Carstens versteht und reagiert umgehend.

Holzer, der aus dem saarländischen Quierschied stammt, genießt als Lobbyist in Bonn einen ausgezeichneten Ruf. Seine Verschwiegenheit wird geschätzt. Nicht verwunderlich bei einem, der als Mitarbeiter des Bundesnachrichtendienstes unter dem Decknamen Baumholder im Nahen Osten aktiv war. Holzers Heirat mit Souade Sayhoun, einer Verwandten des ehemaligen libanesischen Staatspräsidenten Amin Gemayel, hat ihm 1967 die Tür zum Nahen Osten geöffnet und ihm den Titel eines Honorkonsuls des Libanons eingebracht.

Sein Bekanntenkreis ist weltumspannend. Mit Holger Pfahls, dem inzwischen flüchtigen Exstaatssekretär, verbindet ihn eine enge Beziehung. Pfahls ist gern gesehener Gast in Holzers Villa an der Côte d'Azur. Wie zufällig ist auch Pfahls beim Leuna-Geschäft dabei. Als Anwalt berät Pfahls Elf bei mindestens einem Treffen im Bundeskanzleramt. Über den Privatanschluss von Pfahls faxt Dieter Holzer mindestens ein Schreiben an das Bundeskanzleramt.

Ein anderer Bekannter Holzers beteiligt sich ebenfalls schon früh an den Verhandlungen. Walther Leisler Kiep tritt erstmals 1991 auf, erinnert sich der damalige Treuhand-Manager Klaus Schucht. "Der kam zu mir und fragte mich, ob er bei dem Elf-Geschäft behilflich sein könne", sagt Schucht. Kiep betätigt sich als Eilbote und überbringt am 20. Mai 1992 vorab die Kopie eines Schreibens des französischen Präsidenten an das Kanzleramt. Es geht um "öffentliche Mittel für Raffinerie-Investition in Leuna", vermerkt Johannes Ludewig, Kohls Wirtschaftsberater. Mitterrand drängt darauf, das Thema "Subventionen" auf die Agenda zu setzen.

Bis zuletzt bleiben die staatlichen Beihilfen umstritten. Noch kurz vor dem Abschluss gibt es Probleme mit dem "Komplex Investitionsförderung". So hält es Ludewig in einer Notiz vom 13. Juli 1992 über ein Gespräch im Kanzleramt fest. Nach Ansicht der Kaufinteressenten, schreibt Ludewig, "bestünde noch eine ,Subventionslücke' von ca. 700 Mio DM, die durch weitere öffentliche Mittel - aus welchen Quellen auch immer - geschlossen werden müsse".

Am 14. Juli verstärken Elf und Thyssen in einem gemeinsamen Fax an Bundesregierung und Magdeburger Landesregierung den Druck und drohen, das Konsortium werde "bei fehlender Unterstützung und damit fehlender Wirtschaftlichkeit des Projektes nicht in der Lage sein, den Vertrag mit der Treuhandanstalt abzuschließen". Das TED-Konsortium verlangt zusätzliche Investitionshilfen in Höhe von 390 Millionen Mark und stellt darüber hinaus einen weiteren "Fehlbetrag" in Höhe von 300 Millionen Mark fest. Der soll durch einen Zinsgewinn aufgrund späterer Zahlung sowie eine "Management-Gebühr" für den weiteren Betrieb der "Altraffinerien Leuna und Zeitz" ausgeglichen werden.

Neun Tage später scheinen die Probleme gelöst: Der Vertrag wird unterzeichnet.

Auf wundersame Weise lösen sich auch Widerstände im Bundesverkehrsministerium auf. Ursprünglich hatte sich Minister Günther Krause, ein Christdemokrat, dagegen gewehrt, die Leuna-Privatisierung an den Verkauf der Minol-Autobahntankstellen zu binden. Das verzerre den Wettbewerb und verstoße letztlich gegen das Bundesfernstraßengesetz. Am 6. Mai 1992 beklagt sich Krause schriftlich bei Treuhand-Chefin Birgit Breuel. Das Vorgehen der Treuhand verbaue dem Mittelstand jede Chance im Autobahngeschäft, klagt Krause.

Drei Wochen später, am 30. Mai 1992, tafelt Minister Krause in einer Villa in Juan-les-Pins an der Côte d'Azur. Besitzer ist Dieter Holzer. Unter den Gästen Holzers ist neben Holger Pfahls auch Hubert Le Blanc Belleveaux. Wieder so ein Zufall.

Drei Tage danach fällt im Bundeskabinett die Entscheidung: Die Minol-Autobahntankstellen bleiben im Privatisierungspaket.

Krause ist im Kabinett nicht überstimmt worden. Er hat zugestimmt. Seinen plötzlichen Sinneswandel erklärt er heute so: Das Tankstellennetz sichere der neuen Raffinerie einen Teil ihres Absatzes und damit Arbeitsplätze. Diesem Argument hat sich der Minister offenbar kurzfristig geöffnet.

Dass ihm die Elf-Berater bei dem Essen in Holzers Mittelmeervilla bei seiner Entscheidungsfindung behilflich waren, weist Krause zurück. Das sei praktisch unmöglich gewesen, sagt er. Die Herren hätten englisch und französisch gesprochen. "Da bin ich mir mit meinem Russisch wie ein Exot vorgekommen."

Neben dem Verkehrsministerium zählt auch das Bundeskartellamt zu den widerspenstigen Behörden, vorübergehend jedenfalls. Die Aufsichtsbehörde lehnt den Verkauf der Minol-Autobahntankstellen ab, wird aber vom Kanzleramt bedrängt, "wettbewerbsrechtlich doch ein Auge zuzudrücken". Ein Vermerk von Kohls Berater Ludewig bestätigt: "Gegenüber Kartellamtspräsident Wolf habe ich nachdrücklich auf die wirtschaftliche und politische Bedeutung der Angelegenheit hingewiesen." Mit Erfolg, wie ein vertrauliches Schreiben der Wettbewerbshüter belegt. Darin wird die "außerordentlich ungünstige Ausgangsposition des Bundeskartellamtes" beklagt. Die Entscheidung sei "ohne Einschaltung des Bundeskartellamtes getroffen worden", ihr lägen "entsprechende Vorgaben des Bundesverkehrsministerium zugrunde". Es habe "keine vorherige Abstimmung mit dem Amt gegeben".

Der politische Druck auf das Kartellamt ist so groß, dass es seinen Widerstand im Dezember 1992 aufgibt. Die Minol-Autobahntankstellen bleiben im Paket. Die Politik will nun einem Vertrag zustimmen, nach dem Elf statt der üblichen 4,5 Pfennig pro Liter nur 1,5 Pfennig Konzessionsabgabe für die Minol-Autobahntankstellen zahlen muss. Zugleich wird der Minol-Kaufpreis von 530 Millionen auf 290 Millionen Mark reduziert.

Derart vielfältig sind die Hindernisse, derart zahlreich die beteiligten Ämter, dass ganz ungewöhnliche Maßnahmen naheliegend erscheinen. Eine dieser Maßnahmen heißt Hans Friderichs, früher Bundeswirtschaftsminister. Der ist irgendwann alles in einem: "International Adviser" der Investmentbank Goldmann Sachs, die die Angebote der verschiedenen Bewerber zu prüfen hat; er ist Berater des Bieter-Konsortiums aus Elf und Thyssen; und er wird Aufsichtsratsvorsitzender von Leuna und von Minol. Unter normalen Umständen wäre das ein klarer Fall von Interessenkollision. Nicht so in der Wahrnehmung der Treuhand. "Die fanden das positiv", sagt Friderichs. Und der damalige Treuhand-Verhandlungsführer Klaus Schucht fragt: "Wo ist das Problem? Uns konnte doch gar nichts Besseres passieren."

Am Ende werden die Verträge unterschrieben - zu Traumkonditionen für das Elf-Konsortium. Kaum ist die Tinte trocken, kommt Bewegung in die Briefkastenfirmen und Stiftungen in Liechtenstein, in der Schweiz und auch in Luxemburg. Der Lobbying-Vertrag zwischen Elf und André Guelfis Liechtensteiner Firma Nobleplac wird schriftlich fixiert und auf September 1991 rückdatiert. Am 24. Dezember 1992 überweist Elf auf Anweisung seines Unterhändlers Le Blanc Belleveaux 256 Millionen Franc auf das Konto von Nobleplac. "Eine schöne Weihnachtsbescherung" nennt Guelfi über seinen Anwalt den Vorgang heute.

Das Geld wird aufgeteilt. 220 Millionen Franc fließen auf ein Konto der Stand-by-Establishment. Die Firma wurde am 4. Mai 1992 in Liechtenstein gegründet. Mit den Treuhändern Werner und Wolfgang Strub verbindet Dieter Holzer eine enge Geschäftsbeziehung. Vater und Sohn Strub betreuen Holzers Delta "International Establishment".

Sechsunddreißig Millionen gehen an die 1985 in London gegründete "Showfast Limited". Deren ehemaliger Direktor Axel Wend klagt heute darüber, "dass alte Geschichten jetzt wieder neue werden". Wo das Geld seinerzeit hingeflossen ist, will er nicht mehr wissen.

Die Schweizer Ermittler sind da weiter: Nach ihren Erkenntnissen sind 152 Millionen Franc von Stand by 1993 auf Holzers Delta-Konto bei einer Bank in Luxemburg überwiesen worden. Weitere 60 Millionen landen auf dem Konto der Stiftung Internationale Finanzanstalt. Dorthin werden auch die 36 Millionen vom Konto der Showfast überwiesen. Den weiteren Fluss der Gelder konnten die Ermittler bisher nicht aufklären.

Wer wirklich hinter der Stiftung Internationale Finanzanstalt steht, ist den Ermittlern nicht klar. Sie vermuten, es ist der Franzose Pierre Lethier, ein Geschäftsmann und ehemaliger Oberst des französischen Geheimdienstes DSGE. Den wiederum verbindet eine Freundschaft mit Elf-Berater Holzer. Lethier soll ebenfalls bei den Geldtransaktionen rund um Leuna geholfen haben, doch als Geheimdienstprofi hat er es verstanden, Spuren zu verwischen. Sein Name taucht bis heute in keinem Dokument in direktem Zusammenhang mit Leuna auf.

Aber nicht nur Elf Aquitaine lässt Gelder über Kontenlabyrinthe fließen. Auch für den Konsortialpartner Thyssen sind undurchsichtige Zahlungen verzeichnet. Verschiedene Magazine zitieren aus einer Vereinbarung, in der sich Thyssen gegenüber Elf verpflichtet, einen Teil der "Study Expenses", so genannten Studienkosten, zu übernehmen. Gemeint seien Kosten für aufwändige Untersuchungen, meint der Konzern. Mindestens 13 Millionen Mark überweist Thyssen danach 1993. Aber nicht direkt an die Auftragnehmer der Studien, sondern offenbar auf ein Konto der Liechtensteiner Firma Nobleplac, die ohnehin in jenen Wochen allerlei Zahlungsverkehr verzeichnet. Wie aufwändig und wie wichtig die "Studien" wirklich waren, ist noch ungeklärt. André Guelfi, Besitzer von Nobleplac, erinnert sich heute so: "Die Studien bestanden doch nur aus einer Übersetzung."

Als der Elf-Konzern privatisiert und die Führungsspitze im August 1993 ausgewechselt wird, sieht sich der neue Konzernchef Philippe Jaffré mit Unterlagen konfrontiert, die auf zweierlei hindeuten: Zum einen hatte den Staatskonzern jahrelang ein Heer von freiberuflichen Elf-Beratern und hochkarätigen Managern als Selbstbedienungsladen geführt. Unter der Federführung seines Vorgängers hatten sie munter in die eigene Tasche gewirtschaftet. Zum anderen hatten auch Politiker davon profitiert.

Im April 1994 wird die Pariser Untersuchungsrichterin Eva Joly mit der Untersuchung der Affäre beauftragt. Sie wird schnell fündig. Der ehemalige Konzernchef Le Floch-Prigent sowie André Guelfi müssen zeitweise ihren Wohnsitz in das Pariser Untersuchungsgefängnis verlegen. Bei ihren Ermittlungen stößt Eva Joly auch auf eine deutsche Spur. Am 19. März 1997 deutet der ehemalige Elf-Manager Maurice Mallet der Untersuchungsrichterin gegenüber Schmiergeldzahlungen an: "In Hinblick auf Mittelsmänner und Geldverschwendungen könnten wir uns über die Raffinerie in Leuna und gewaltige Ausgaben unterhalten." Mindestens 100 Millionen Mark Schmiergelder sollen nach Deutschland geflossen sein, sagen die Staatsanwälte in Frankreich und der Schweiz.

In Paris glauben Aktenkundige zu wissen, welche einst hoch gestellte Persönlichkeit "der Verteiler der Schmiergelder" gewesen sein soll. Doch fehlen den Ermittlern gerade jene "aufschlussreiche Unterlagen, die die deutsche Spur belegen". Sie wurden bei einem Einbruch in ein Büro der französischen Finanzpolizei am 20. April 1997 gestohlen. Der Bundesnachrichtendienst teilte sogleich mit, dass er mit dieser Aktion nichts zu tun habe. Den Vorwurf hatte allerdings niemand erhoben.

In Genf mühen sich Schweizer Staatsanwälte seit drei Jahren, in Rechtshilfe für die französische Justiz, Licht in das Dunkel der Geldströme zu bringen. Die Ermittlungen zielen auf Geldwäsche, Betrug, Untreue. Hausdurchsuchungen bei diversen Guelfi-Firmen und Vernehmungen Dieter Holzers erhärten den Verdacht, ohne jedoch direkte Beweise zu erbringen. Immerhin reichten die Indizien, um gegen André Guelfi einen internationalen Haftbefehl auszustellen. Was niemanden sonderlich zu kümmern scheint. Der 80-Jährige gibt sich als Grandseigneur, flaniert bisweilen in Paris über Boulevards, diniert in Restaurants und gibt an verschwiegenen Orten Interviews. Wobei er gern mit einem Auftritt vor dem frisch installierten deutschen Untersuchungsausschuss kokettiert. Seinen Anwalt lässt er ausrichten: "Das wird ein prächtiges Spektakel."

Dass die deutsche Justiz untätig blieb, ist spätestens seit Mai dieses Jahres kaum mehr erklärlich. Badische Zollfahnder kontrollierten damals Dieter Holzers 28-jährigen Sohn Alfred in der Nähe der Schweizer Grenze. Sie fanden brisante Unterlagen bei dem jungen Mann. Belege über ungewöhnliche Transaktionen, die auf Geldwäsche hindeuten. Aus den Kontoauszügen diverser Firmen Holzers lassen sich die Geldflüsse teilweise rekonstruieren. Offenbar floss Geld von Holzers Konten immer zur Zeit von Entscheidungen in der Sache Leuna. Das deuten jedenfalls Justizkreise an.

Jetzt erst, beflügelt durch die Kohl/Kiep-Affäre, kommen die Ermittlungen deutscher Staatsanwälte langsam in Schwung. Jetzt erst vernetzen sich die Ermittler in den verschiedenen europäischen Staaten. Trotzdem sind die Empfänger der Millionen von Guelfis Konto bis heute nicht enttarnt.

Nur Indizien und Behauptungen sind es, die auf die Adressaten hinweisen. Französische Blätter schreiben immer wieder unter Berufung auf die gestohlenen Unterlagen, dass zumindest ein Teil des Geldes bei der CDU gelandet sei. André Guelfi sprach vorvergangene Woche im Fernsehinterview von knapp 85 Millionen Mark, die einer "deutschen Partei als Kommission" zugeflossen seien. Über die Provisionszahlungen seien Präsident Mitterrand und Bundeskanzler Kohl im Bilde gewesen.

André Guelfi, ohnehin eine schillernde Persönlichkeit, wechselt seine Behauptungen schon mal. Kürzlich meinte er, Elf-Berater Le Blanc Belleveaux habe ihm erklärt, die Millionen seien für deutsche Parteien bestimmt gewesen. Zwei Jahre zuvor hatte er sich anders eingelassen: "Le Blanc Belleveaux erwähnte mir gegenüber damals ,drei verklemmte politische Riegel in Ostdeutschland, die mit den Zahlungen geschmiert und gelockert' werden sollten: Arbeitgeber, Gewerkschaften und Stasi-Typen", sagte er damals der Wirtschaftswoche.

Von "absurden Verdächtigungen" spricht CDU-Chef Wolfgang Schäuble. Und Helmut Kohl weist jeden Anwurf gegen seine Partei und sich selbst ab: "Ich habe ausschließlich im Interesse des Landes gehandelt." Auch der damalige Treuhand-Vorstand Klaus Schucht kann mit derlei Vorwürfen nichts anfangen. Er verweist sie ins Reich der Fabeln. Elf sei doch von der Politik zu der Investition genötigt worden und habe an Leuna gar kein eigenes Interesse gehabt, sodass, "wenn überhaupt, nicht die uns, sondern wir die hätten schmieren müssen".

Ähnlich argumentiert Günther Frucht-Schäfer, Leuna-Aufsichtsratschef bis März 1992, ehe er Hans Friderichs weichen musste. Turbulente Zeiten wie jene Nachwendejahre riefen stets Wichtigtuer auf den Plan, die den Eindruck zu erwecken suchten, sie hätten Einfluss. In Wirklichkeit hätten sie aber nur den persönlichen Vorteil im Sinn gehabt. Gut möglich, meint Frucht-Schäfer, dass Elf, mit den Verhältnissen in Deutschland nicht vertraut, solchen Leuten auf den Leim gegangen sei.

Als Opfer von Betrügern sieht der neue Elf-Chef Philippe Jaffré seinen Konzern. Jaffré, der aus Elf "ein ganz normales Unternehmen" machen möchte, vermutet, dass Privatpersonen das Schmiergeld in ihre Taschen gesteckt haben.

Andererseits gibt es neben den vielen Indizien auch eine Reihe von Motiven, die Bestechung plausibel erscheinen lassen. Da ist zunächst das Konkurrenzangebot, das ein Konsortium unter Führung von BP abgegeben hatte. Es sah keinen Neubau der Raffinerie vor, vielmehr sollte die alte Raffinerie modernisiert und erweitert werden. Das hätte den Steuerzahler sehr viel weniger gekostet. Die Belegschaft favorisierte dieses Konzept aus beschäftigungspolitischen Gründen. BP, erinnert sich der frühere Betriebsrat Klaus Dietzsch, habe nicht nur die Raffinerie, sondern die ganze weiterverarbeitende Chemie übernehmen wollen. Auch wollte das BP-geführte Konsortium die Minol-Tankstellenkette aufteilen, was ordnungs- und wettbewerbspolitisch die sauberere Lösung gewesen wäre. Alles in allem, urteilte damals der unabhängige Erdöl-Informationsdienst, sei der Verkauf an Elf "volkswirtschaftlich die schlechteste aller Alternativen" gewesen.

Musste also geschmiert werden, damit Elf zum Zuge kam? Oder vielleicht dafür, dass eine von fünf Ölkonzernen geplante Pipeline von Hamburg nach Dresden verhindert wird? Sie sollte die Chemieindustrie in Sachsen und Sachsen-Anhalt mit Raffinerieprodukten beliefern - wäre also ein Konkurrent zu Leuna gewesen, deren Kapazität Experten ohnehin für überdimensioniert hielten. Die Pipeline wurde nie gebaut. Sachsen-Anhalts Wirtschaftsminister Rehberger verbot das Raumordnungsverfahren. Auch unter seinem Nachfolger, dem früheren Treuhand-Vorstand Schucht, durfte die Pipeline nicht gebaut werden. Leuna erhielt so eine marktbeherrschende Stellung im Osten.

Die Reihe von Verabredungen zugunsten von Elf und Leuna ist lang: eine Art "Lex Minol", mit der Elf das komplette Tankstellennetz des ostdeutschen Monopolisten übernehmen konnte; die Vereinbarung, dass Elf für die Weiterführung der alten Leuna-Raffinerie bis zur Fertigstellung der neuen die Betriebsverluste ersetzt bekommt - insgesamt zwei Milliarden Mark. "Mit sozialer Marktwirtschaft", so der Erdöl-Informationsdienst, habe das Leuna-Geschäft "nichts zu tun".

Und schließlich hat das Elf-Konsortium gewaltige Subventionen eingestrichen, insgesamt 1,4 Milliarden Mark. Um diese Summe zu erhalten, berichtet die Welt am Sonntag in ihrer jüngsten Ausgabe, seien Mitarbeiter der Treuhand bestochen worden. Bislang unbekannte Akten legten nahe, die Bestechungsgelder hätten manipulierte Investitionspläne decken sollen, um die überhöhten Subventionen einstreichen zu können.

War also alles nur zum Besten des Landes? Oder doch einiger weniger? Dem Untersuchungsausschuss "DDR-Vermögen" des Bundestages ist es in der vergangenen Legislaturperiode nicht gelungen, die teilweise schon damals erhobenen Vorwürfe aufzuklären. Die Parlamentarier standen unter Zeitdruck, und ihnen seien "viele wichtige Unterlagen nicht zur Verfügung gestellt worden", moniert die SPD in ihrem Abschlussbericht. So rückte die damalige Regierung erst nach dem Ende der Beweisaufnahme 90 Aktenordner aus mehreren Ministerien heraus, die nun der neue Untersuchungsausschuss auswerten kann.

Vernehmungen seien blockiert worden, nur vier Zeugen gehört und Rechtshilfeersuchen monatelang liegen geblieben. Insgesamt, so die Kritik der SPD, habe die Regierung damals "auf Zeit gespielt", um "die Aufklärung zu blockieren". Ihr Fazit: "Offensichtlich soll hier etwas vertuscht werden." Der Verdacht erhielt am vergangenen Wochenende neue Nahrung, als bekannt wurde, dass im Bundeskanzleramt Akten zur Leuna-Affäre verschwunden sind. Dass in Helmut Kohls ehemaligem Amtssitz ein merkwürdiger Umgang mit Leuna-Akten gepflegt wurde, belegt auch ein Brief des Vermittlers Holzer an das Kanzleramt: "Quellenschutz für Herrn Holzer - nicht zu den Akten" hat ein Beamter handschriftlich darauf notiert.

Schon nach dem Ende des vorherigen Untersuchungsausschusses stand für die SPD fest, dass die Nachforschungen fortgesetzt werden müssen. Vorsorglich beschloss die CDU/FDP-Mehrheit im Auschuss, die Akten nicht im Bundestag zu archivieren, sondern an die entsprechenden Stellen zurückzugeben.

Doch allen Vernebelungsversuchen zum Trotz stehen die Chancen des neuen Untersuchungsausschusses nicht schlecht, mehr herauszufinden als der alte. Er hat mehr Zeit, und da die damalige Opposition nun die Mehrheit hat, werden Verfahrenstricks die Aufklärung wohl nicht mehr behindern. Hinzu kommt: Jetzt ermittelt auch eine deutsche Staatsanwaltschaft, und die dürfte eher geneigt sein, ihre Ergebnisse mitzuteilen, als es die Pariser Justiz war.

Aufschluss erhofft sich die neue Mehrheit aus SPD und Grünen auch von den Tagebüchern Klaus Schuchts. Der führte über den Verlauf der Verhandlungen akribisch Buch - 1400 Seiten sollen die Notizen umfassen. Im vergangenen Untersuchungsausschuss wurden die Tagebücher so lange geprüft - erst von einem Anwalt, dann von der Treuhand-Nachfolgerin BvS und zuletzt von der Regierung -, bis es zu spät war, sie in die Beweisaufnahme einzuführen.

Mittlerweile hat Schucht die Bände dem Bundesarchiv in Koblenz übergeben. Sie dürfen erst zehn Jahre nach seinem Tod veröffentlicht werden. Auch für den neuen Ausschuss will er keine Ausnahme machen. Der müsse ihn schon zwingen, sie herauszugeben, erklärte er. In Interviews äußert sich Schucht kryptisch zum Inhalt der Tagebücher. Mal erklärt er, die Notizen enthielten Fakten, "die würde jeder bestreiten, da gibt es auch keine Akten drüber". Dann wiegelt er ab, es stehe darin nichts über Schmiergeldzahlungen.

Da, wo die moderne Raffinerie jetzt steht, interessieren sich nur wenige für die Frage, ob Schmiergelder geflossen sind. In Leuna zählt, dass Arbeitsplätze geschaffen wurden. "Es war richtig, die Raffinerie hierhin zu bauen", meint Bürgermeister Jürgen Elste. "Da gucke ich doch nicht hin, ob einer was eingesteckt hat."