Stellen wir uns für einen Moment, anstatt an Weihnachtsgeschenke zu denken, ein prächtiges Schwein vor, das zwei Muscheln wert wäre und obendrein noch einmal zwei Muscheln. Diese Kostbarkeiten nun überreicht jemand einem anderen, ohne dass Geburtstag oder Weihnachten wäre, der darauf mit einer Gegengabe antwortet, die acht Muscheln umfasst. Zwischenergebnis: Der Erste ist nun zwar reicher, der Zweite jedoch wegen seiner Freigebigkeit an Prestige überlegen. Weiter im Schenken: Dem neuerdings Reicheren überreicht der zuvor Großzügige dann nur vier Muscheln, und der schenkt wiederum freigebig acht zurück. "Ausgleich!", denkt da der Westeuropäer, der sich mit Tauschwerten und Äquivalenzen gut auskennt und auf zwölf zählen kann, "beide haben jetzt wieder gleich viel". Die Stammesmitglieder der Melpaim Hochland Neuguineas aber, bei denen dieser Austausch namens moka üblich ist, denken ganz anders: Beim Tausch der Gaben liegt ihnen daran, Großzügigkeit zu zeigen, ihr Prestige zu steigern und Partner zu bekommen, denn dies ist das Fundament, auf dem ihre Gesellschaft ruht. Welcher Sinn läge sonst darin, am Ende des Gebens wieder in Händen zu halten, was man schon anfangs besaß?

Doch wer kein Melpa ist, steht vor einem Rätsel, besonders in Zeiten epidemischen Schenkens vor Festtagen. Welcher Sinn liegt im Schenken? Warum übergeben Menschen einander Gaben, und was eigentlich ist das: eine Gabe, ein Geschenk? "Geben, das ist eine freiwillige Übertragung einer Sache, die einem gehört, auf jemanden, von dem man meint, daß er nicht umhin kann, sie anzunehmen", definiert, spröde und behelfsweise, der französische Ethnologe Maurice Godelier zu Beginn seines Buchs Das Rätsel der Gabe. Doch wenn es so einfach wäre mit der Freiwilligkeit und dem Gehören, hätte er sein faszinierendes Werk nicht verfasst.

Vorbei die großzügige Geste, passé die Zuwendung echter Individuen zueinander. Stattdessen: Geschenkartikel, wohin das Auge auch blickt. Der angemessene Ausdruck für die Situation war für Adorno eben dieser ubiquitäre Geschenkartikel, der zum Ding gewordene tautologische Blödsinn, welcher nichts sagt außer: Ich bin ein Geschenk und habe etwas gekostet. Falsch ist diese Diagnose nicht, jedenfalls nicht in Bezug auf Gesellschaften wie die unsere, die für Weihnachtsbäume damit wirbt, dass sie nicht piksen, nicht nadeln, und dies dann als "Geschenk der Natur" deklariert. Aber auch vollständig ist sie nicht, denn sie übersieht eine reizvolle Tücke des Kapitalismus, der nämlich jeden dazu anhält, möglichst individuell zu erscheinen und also empfiehlt, Einzigartiges statt Serielles zu überreichen. Der Geschenkartikel hinterlässt bei allen Beteiligten das fade Gefühl, nicht umwerfend originell zu sein.

Doch allemal aufregender ist ein ethnologischer Blick auf das Schenken: eben derjenige Maurice Godeliers auf Das Rätsel der Gabe . Denn den Ethnologen treibt es um, dass die westlichen Gesellschaften unserer Gegenwart vor allem eines hervorbringen: Profit und Unterstützungsempfänger, Ausgeschlossene, weltweit, die nach den Gaben der Reichen verlangen. "Die milde Gabe ist wieder da", konstatiert Godelier und erinnert an das klassische Werk Die Gabe (1925) seines Kollegen Marcel Mauss, der festhielt: Die Gabe ist immer noch verletzend für den, der sie empfängt.

Der Austausch von Waren koexistiert mit dem von Gaben

Doch wer sich nun auf eine Tirade gegen den wilden Kapitalismus gefasst macht und auf eine Beschwörung der guten Eingeborenen, die zu einem imaginären früheren Zeitpunkt wussten, was das eigentliche, das authentische Schenken ist, der irrt. Stattdessen bekommt der Leser dieses Buches eine Gabe besonderer Art überreicht: ein wissenschaftliches Gespräch über die Grundlagen der Gesellschaften dieser Welt, geführt mit den Werken der großen ethnologischen Vorgänger Marcel Mauss, Claude Lévi-Strauss, Anette Weiner, durch Feldforschung erarbeitet an den Sitten und Mythen der Leute und verfasst in einer Prosa, deren einfache Klarheit heute kaum noch einer der sprichwörtlichen Bergseen besitzt. Man muss sich nur darauf einlassen, dass die Sitten einiger hunderttausend Indianer, Polynesier und Neuguineer, denen die Ethnologie seit einem Jahrhundert unbeirrt treu ist, von Belang sind für den Rest der Menschheit.

Das Geben im Westen, dessen Ökonomien nach einer "Moral des Profits" funktionieren, ist für Godelier der Verwertungslogik, die Adorno beklagt, durchaus nicht gänzlich zum Opfer gefallen. Godelier würdigt sowohl die Gesten der verweltlichten Solidarität, die sich in Spenden für Leidende zeigt, als auch das Geschenk unter einander Nahestehenden, das nicht auf Erwiderung zielt und nicht der Berechnung entspringt. Auch den Sozialstaat, der es mit der Umverteilung ernst meint, hält Godelier in Ehren. Und um jede Verwechslung von Gabe und Güte in jenen Kulturen von Eingeborenen, die auf einer "Moral der Gabe" beruhen, gleich zu vermeiden, wendet sich Godelier nachdrücklich dem Geben als einer Form des Kämpfens, sogar der Zerstörung zu. Auch die Mischformen der Ökonomien deckt er auf: Den potlatch , jenen legendären Gabentausch der Kwatiukl-Indianer, der auf permanente, mitunter auch zerstörerische Überbietung des anderen zielt, findet Godelier partiell im westlichen Fernsehwettbewerb um den großzügigsten Spender für die Elenden wieder. Und im polynesischen hau, den Mauss noch als eine Art Geist des Gebers in der Gabe verstand, sieht Godelier auch Merkmale des Profits. Im kula, einer Form des Austausches auf den Trobriand-Inseln, entdeckt Godelier eine Vorstellung von Eigentum, die unserem Privateigentum erstaunlich gleicht, doch unter der Voraussetzung, dass Gesellschaft der Urgrund bleibt, auf dem Eigentum ruht und der es an das Soziale bindet. Waren- und Gabengesellschaften sind nicht das Gegenteil voneinander, der Austausch von Waren koexistiert fast immer mit dem von Gaben.