Scornicesti/Bukarest

Elena Ceausescu lebt noch. Zurückgezogen, vergraben im waldigen Vorland der Karpaten, von der Welt abgeschirmt durch schnatternde Gänse, scharrende Hühner, kläffende Dorfköter. Die jüngere Schwester Nicolae Ceausescus trägt den gleichen Vornamen wie die am ersten Weihnachtstag 1989 zusammen mit dem Diktator hingerichtete "Landesmutter" Elena. Ceausescus Frau ist bis heute verhasst geblieben. Seiner Schwester hat man vergeben, dass sie eine Art Ortsgruppenführerin war.

Der Ort heißt Scornicesti und war ein winziges Dorf, als der Sohn des Kleinbauern Andruta Ceausescu, Nicolae, hier am 26. Januar 1918 zur Welt kam. Mit dem Aufstieg Nicolae Ceausescus zum Karpaten-Pharao mussten seine Lastenträger das Dorf zu einer Pyramide hochziehen. Die Gemeinde wurde an das Nationalstraßennetz angebunden, der Dorfweg zum Boulevard Straße des Friedens mit mehrstöckigen Wohnblocks ausgebaut. Um den Fußballacker wuchs eine Betonschüssel für 30 000 Zuschauer. Der neu gegründete Ortsverein wurde zur Spielwiese des Sohnes von Ceausescus Schwester und stieg als FC Olt in die Nationalliga auf. Als es im entscheidenden Aufstiegsspiel 1979 um das Torverhältnis ging, machten Ceausescus Mannen mit 18:0 alles klar. Die gegnerischen Spieler auch: Sie standen Spalier. Im Mai 1989 stieg die Gemeinde zur Stadt auf.

Dann kam der erste Weihnachtstag 1989. Mit Ceausescus Tod stürzte auch Scornicesti tief hinab auf das Niveau des übrigen Rumänien. Der FC Olt stieg schnell wieder ab. Die aus dem ganzen Land zusammengeklaubten Spieler zerstreuten sich in alle Welt. Dorinel Munteanu spielt heute beim VfL Wolfsburg, Dan Petrescu für Chelsea London. Die Ceausisten und Kommunisten wurden davongejagt

auch der Parteichef des Bezirks, Elenas Mann Vasile Barbulescu, dessen Familiennamen sie trägt. Er starb vor drei Jahren. Die gemeinsamen Kinder zogen in die Welt, wie ihre Fußballer.

Heute muss Elena Ceausescu-Barbulescu niemanden mehr fürchten. Sie will auch niemanden mehr sehen. Vor allem keine Journalisten. Die Stadtväter pflegen zu sagen: "Sie ist schwer krank und wohl in Bukarest." Ihre einstige Datscha liegt am Ortsende, wo es so aussieht wie auf dem rumänischen Lande und wie vor hundert Jahren schon. Nur der Nussbaum ist noch älter und die Fichten sind höher als ringsum. Denn unter ihnen liegt, neben Elenas Datscha, Ceausescus Geburtskate. Sie wurde zu Zeiten seiner Herrschaft weiß getüncht und mit Reetgras gedeckt. Die kostbar geschnitzte, nun schon modernde Pforte lässt sich mit einiger Mühe aufstoßen.

Nach langem Klopfen bewegt sich etwas in Elenas Haus. Die Verandatür öffnet sich um einen Spalt. Ein Gesicht unter einer Pelzmütze erscheint, das haargenau an Ceausescus erinnert, fast schon wie ein Spuk. Die Schwester, in rote und braune Wollsachen gewickelt, verzieht selbst Kopf und Mund leicht zuckend wie einst der Diktator, wenn er seine Marathonreden begann. Sie will nicht sprechen. "Aber er hat Ihren Bruder oft interviewt! Er ist ein ausländischer Journalist, kein unsriger!", insistiert die rumänische Kollegin in taktischer Selbstverleugnung. "Die unsrigen müsste man alle ...", antwortet die Mittsiebzigerin, stoppt den Satz und bleibt auf der Hut. Aber sie lässt sich überreden, uns seine Geburtskate zu zeigen. Wir reichen ihr die Pantoffeln vom Haussims.

Da geht sie vor uns her, klein, verhutzelt, von der Geschichte wieder auf die Scholle zurückgeworfen, über die sie sich einst erhob als "Bezirksschulinspektorin", als mächtige Verteilerin der Neubauten von Scornicesti an den Ceausescu-Clan. Damals kamen regelmäßig ausländische Delegationen, um die stallartige Herberge der Geburt Ceausescus pflichtschuldig zu bewundern. Die Hütte wurde mit alten Bauernstilmöbeln zum Nobelmuseum ausgestattet. Jetzt muss Elena einen riesigen Hahn von der kleinen Verandabrüstung verscheuchen. In die einst hochgeputzte Kate, in die Schränke, Betten, Folkloreblusen ist die Vergänglichkeit wieder als klamme Feuchtigkeit eingezogen. An der Wand hängt ein vergilbendes Foto von Nicolae Ceausescu und seinen Kindern beim Begräbnis des Vaters Andruta.

Die Ruhestätte der Eltern liegt ganz in der Nähe. Viel Marmor für die Gegend und für den bescheidenen Friedhof. Ein Kreuz, obwohl Religion dem Diktator als Opium galt. Er kam zweimal im Jahr zum Grab, ging aber nicht in die kleine Kirche gegenüber. Nach seinem Sturz wurde die Ruhestätte immer wieder geschändet. Von Ortsfremden

denn die alten Ceausescus mit ihren neun Kindern waren in Scornicesti gut gelitten. In der Kirche sind sie mitten unter den Heiligen in einer Wandmalerei verewigt. Nach der Wende wurden die Gesichter der beiden von Kirchgängern zerkratzt. Der Pope Gerassim gebot dieser Rache Einhalt.

In den achtziger Jahren stand die baufällige Kapelle vor dem Zusammenbruch.