Babygeschrei im Eckhaus an der König- und Johannisstraße, in dem einst Kaiser Karl IV. während seines Aufenthalts in Lübeck logierte: Bei den Heinekens hat sich Nachwuchs eingestellt. Am 6. Februar 1721, morgens zwischen fünf und sechs. Drei Tage später wird der Kleine gegenüber in St.

Marien auf die Namen Christian Henrich getauft. Gewöhnliche, gebräuchliche Namen im Norden - für ein Kind, das zum Wunder seiner Zeit werden sollte.

Die Mutter, Catharina Elisabeth, kann das "schöne, niedliche" Kleine allerdings nicht stillen oder will es nicht. Jedenfalls wird eine Amme engagiert, Sophie Hildebrandt, eine "ehrbare Lübeckische Soldaten-Frau".

Madame Heinekens Vater und ihr Stiefvater waren vielbeschäftigte Bildnismaler, und sie selbst pflegt ein künstlerisches Talent mit Blumenstücken und kleinen Porträts. Doch trägt sie auch durch Perlenstickerei zum Unterhalt der Familie bei, der hauptsächlich aus einem Café im Parterre des Hauses gezogen wird. Bei der Trauung hatte sie noch ihrem Gatten ewigen Gehorsam gelobt, doch hat sie längst die Hosen an. Auch Ehemann Paul ist Künstler, malt Porträts im Geschmack der Zeit, schreibt zudem an einem Buch über die Perspektive in der Malerei

ein Watteau ist er nicht.

Draußen, in der Welt, geht der Große Nordische Krieg eben zu Ende, ist Russland eine neue Großmacht in Europa, ruft Preußen Siedler ins Land, blühen Gewerbe und Handel in Frankfurt, Leipzig und Hamburg. Mecklenburg und Schleswig-Holstein aber leiden immer noch an den Verheerungen des Dreißigjährigen Krieges. Lübeck, einst "Vorstadt" der Hanse von "einer Größe, daß sie Königen furchtbar war", dämmert gleichsam im toten Winkel "zwischen der Trave und der Wakenitz ... alt und unansehnlich, voll alterthümlicher Häuser und enger Gassen".

Es geht auf Weihnachten zu, als der kleine Christian, auf dem Schoß seiner Amme, die Grotesken der Goldtapete, die Glasurbilder des weißen Kachelofens betrachtet. Liebevoll erklärt sie ihm: "Dat is een Perd, dat is 'n Katt un dat is een Kerkturm und dat do is 'n Seilschipp" und kann es kaum glauben, dass das noch nicht zehn Monate alte Baby anderntags ihre Worte wiederholt und dabei immer auf die richtigen Bilder zeigt.